"S2 Buchzeit", Südwestfunk, Sendedatum 11.11.1996
Autor: Michael Köhler

Rezensionen zu Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen: Entwurf einer kulturgenetischen Theorie, Wien 1996


Anmod.vorschlag:
die neue Reihe im Springer Verlag wird mit einem Paukenschlag eröffnet. Eine kraftvolle These, eine klare, durchsichtige Sprache, beschränkt auf 150 Seiten, ein brennendes Thema, das alle Befürworter von Nischenkultur, alle Ethnobegeisterten, die im farbenfrohen mexikanischen Poncho für gerechte Kaffepreise auf die Straße gehen, vor den Kopf stößt. Vollmundige Humanisten werden erschreckt. Geisteswissenschaft vermag jetzt mit Naturwissenschaft gleichzuziehen. Mühlmann meint, erstere war nie etwas anderes als das Ergebnis jener Regeln, die Naturwissenschaft zwar gefunden hatte, der aber der Geist stets gehorchte. Kultur ist nicht nur Kunstverein, Rilke-Gedichte, Streichquartett und Schachabend. Kultur ist auch und mehr noch Kriminalität, Fremdenfeindlichkeit, Bürgerkriege, Fundamentalismus; alles meßbare Syptome von Anpassungsschwierigkeiten. Sie fußen auf Streß und Kooperationsfähigkeit der Teilnehmer. Kultur ist, so Mühlmanns leitende soziobiologische These Ergebnis des Zusammenwirkens von Streß und Kooperationsfähigkeit. Westliche Hochkulturen entspringen der maximalen Streß-Kooperationsfähigkeit (MSC). Daraus resultiert freilich ein Kulturbegriff, der geistig länger kaum heißen kann. Michael Köhler sagt warum.

Autor:
Das Unbehagen an der Geisteswissenschaft wächst. Spätestens seit vor fünf Jahren auch noch Wolfgang Frühwald, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft - immerhin ein angesehener Germanist - den Verlust des Definitionsmonopols der Geistes- und Sozialwissenschaften öffentlich eingestand, mußte was passieren. Germanistik wird heute zum besseren Erstsprachenerwerb studiert, Pädagogik ist die Vorschule nicht zur Ästhetik, sondern zur Elternschaft, Politik studiert man um Volkshochschulleiter zu werden, und Philosophie taugt nur noch was für Einkehrwochenenden.

Die Zeichen der Zeit erkennen zu wollen, die Zeit gar in Gedanken zu fassen, scheint herkömmliche Geisteswissenschaft nicht mehr in der Lage. Sie kommt zu spät. Natur- und Ingenierwissenschaften bestimmen zeitig, wo's lang geht. Daraus kann man zwei Schlüsse ziehen. Entweder man erneuert die alte Disziplin, das hat Frühwald auch empfohlen, und betreibt jetzt Kulturwissenschaften. Das heißt, man geht so kunstvoll fremd wie irgend möglich. Macht Anleihen bei der Volks- und Völkerkunde, geht Allianzen ein, stiftet Erkenntnisfusionen, mixt akademische Cocktails und eröffnet neue Studiengänge.

Nur, was bringt das für die Einsicht in die Verschärfung der Kulturkämpfe? Literati und Illiterati, Bildungsbesitzer und Bildungsverächter, Besitzer erfolgreicher Sozialpraktiken und Privatsprachenadepten schürfen neue Gräben. Ja, man könnte fast sagen, je erfolgreicher die Kultur sich enffaltet, desto bedrohter sind zivilisatorische Erfolge. Und jetzt wird's heiß. Denn, wer die gewünschte Nischenkultur für begrenzbar wünscht, macht sich verdächtig reaktionär zu sein.

Der amerikanische Pentagon-Berater Samuel Huntington hat das vor drei Jahren schon diagnostiziert. Er nannte es den clash of civilisation, den Kampf der Kulturen, den Auseinanderfall, das knallhafte Aufeinanderprallen, die Ruhe vor dem Sturm.

Künftige Konflikte sind seiner Auffassung nach nur noch rein kulturelle. Nicht weniger gefährlich, aber anders begründet, eben kulturell.

Warum es aber zu den Wellen aus Hochkultur und Hooliganismus kommt, warum zu bestimmten Zeiten bestimmte kulturelle Praktiken wirksam und erfolgreich sind, will jetzt eine nagelneue Reihe im Springer Verlag ergründen. Das Unternehmen ist gewagt und der Eröffnungsband von Heiner Mühlmann macht gelegentlich kurzatmig, ob seiner Zumutungen. Die leitende These mit der die Geistes- den Naturwissenschaften gleichgestellt werden sollen ist diese. Die Ausfaltung der Kulturen verläuft nach ähnlichen Regeln, die auch in der Naturevolution zur Wirkung kommen. Was sich in der Natur entwickelt hat, läuft ähnlich regelhaft auch in der Kultur ab. Darum trägt das Buch den Titel "Natur der Kulturen". Nichts weniger als diese zu beschreiben, wagt der Autor. Erst die Einsicht in die Regelhaftigkeit der Kulturformen ermöglicht das Projekt der Zivilisierung. Erst wenn man erkannt hat, daß auch Geistesfortschritte, oder das was man dafür hält, daß auch kognitive Fortschritte, der Ausprägung einer sozialen Natur verpflichtet sind, kann das gelingen was Mühlmann in einer gelungenen Formel "Hominisierung vor Humanisierung" nennt.

Insgesamt ist das viel auf einmal. Spontan regt sich Widerstand. Ist das etwa kultureller Lamarckismus, oder endogener Hegelianismus? Ist es unweigerlich, daß man sich in kulturellen Konflikten erst die Köpfe einschlagen muß. Der Ansatz ist mutig und angesichts der Dauerkonflikte auf dem Balkan oder im Nahen Osten auch hilfreich. Mühlmann betrachtet die Kultur als ein Lebewesen, als einen lebendigen Organismus. Dieser Organismus durchläuft Stadien der Domestikation, der Zucht, der Auswahl. Diese hält Mühlmann für wichtiger als manche Erfindung.

Auch wenn das Wortfeld für deutsche Ohren zumutungsreich ist, kommt er doch zu respektablen Ergebnissen. Der vermeintliche Glaube in einer menschlichen Welt zu leben, versperrt die Einsicht in das Kriegswesen der eigenen Kultur. Kultur ist für den Autor eine Art zweiter Arbeitsmarkt, der von einer "formalen Genetik" gesteuert wird. Er schreibt: "Kultur befindet sich somit in einer formalen Analogie zur DNAGenetik." Daraus leitet Mühlmann iterative Gleichungen ab.

Augenblick mal! Wie war das? Kultur soll nach einem genetischen Muster verlaufen? Nach dem Muster unserer Erbinformation? Nein. Wir sind doch aus selbstverschuldeter Unmündigkeit hinausgetreten, haben die Dinge in die Hand genommen, haben uns mit aufrechtem Gang aus fremden Fesseln befreit, haben Geschichte gemacht, haben unsere Lebensbedingungen selber geschaffen und sind nicht Resultat irgendwelcher formalen Programme! Oder?

Doch. Genau das ist der Punkt, den Mühlmann zu bedenken gibt. Es geht nicht um überzeitliche Werte, sondem um die Bedingungen der Ausprägung bestimmter Zeitphänomene, heißen sie nun Feudalismus, Freiheit oder Funktionalsimus. Individualgeschichtlich ist der Mensch nicht zur Freiheit, sondern zur Signalverarbeitung geboren und stammesgeschichtlich nicht zur Beglückung des Erdballs, sondern zur Fortpflanzung und zur Anpassung. Das mag kränkend sein, läßt aber - salopp gesagt - die Kirche im Dorf. Der Autor orientiert sich an Erkenntnissen aus der Soziobiologie. Er unterscheidet fünf Phasen. In der ersten erlernen wir "lokale Regeln", die auch für globales Verhalten Geltung haben. Etwa nach dem Vogelschwarm-Muster: "Halte gleichmäßigen Abstand zu deinen Nachbarn, finde eine zustimmungsfähige Geschwindigkeit und verlasse den Schwarm nicht."

Streß und Kooperationsfähigkeit, so die zweite Phase, hält er für kulturtreibend.

Das Prinzip der höchstmöglichen Streß-Zusammenarbeit hält er für den Motor der Geschichte. Sie bewirke die Entwicklung dessen, was wir als westliche Hochkultur kennen. Sie bewirke auch ihre eigenen Störkulturen. Erst das Mißtrauen in die eigene Kultur ermögliche ihre Zivilisierung.

In der dritten Phase erfolgt die Regeleinstellung, das was der Verfasser den "Genetischen Algorithmus" nennt. In der vierten Phase legt der Autor dar, daß die "Realität der Kultur nicht Zustand, sondem iterative Dynamik ist". Sie beruht auf eingeübten Wiederholungen. Kultur ist in Mühlmanns Augen eine Transmissionsdynamik. "Kultur ist etwas, das überleben oder aussterben kann, und das dem biologischen Leben dienen oder schaden kann. Das Überleben entscheidet sich in jedem nächsten Schritt aufs neue." In der fünften Phase, der Degenerationsphase wird die Kultur gegen Fremdeinflüsse abgeschirmt.

Abschließend noch einmal. Das Buch über die "Natur der Kulturen" ist kein Gerede über die dauemden Werte der Kultur. Heiner Mühlmanns kulturgenetische Theorie behauptet das Gegenteil. Sie macht Kultur zum Bestandteil der Vererbungsdynamik. Sie läßt nur gelten, was als Merkmal oder Regel von Individuum zu Individuum der nächsten Generation vererbt wird. Das ist etwas anderes als Tradition. Das Fazit muß also lauten: "Kultur ist ein genetisch evolvierendes kognitives System."

Soziobiologische und kybernetische Ansätze haben nur folgenden Haken. Sie können zwar Störfaktoren erklären, ihr Auftreten auch regeln und kontrollieren, aber nicht steuem. Moderne Gesellschaft funktioniert nicht nach dem Liebingsmodell der Kybernetiker: Gesellschaft ist keine Heizung. Sie unterliegt kontingenten Einbrüchen, Machtdispositiven wie Foucault sagen wurde. Neue Führer lauern hinter jeder Ecke. Es bleibt folgende spannende Frage, die Mühlmann auf den Weg gibt: Könnte man einen vererbbaren genetischen Code programmieren, der generalisierte Zivilisierung heißt und ontogenetisch abrufbar ist? Ein Gesprach der vormals so genannten Geisteswissenschaften mit den harten Neurowissenschaften ist mit diesem Ansatz gangbar. Er ist streitbar und fruchtbringend, insofern kulturvoll.


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