"Frankfurter Rundschau", Dirk Baecker

Rezensionen zu Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen: Entwurf einer kulturgenetischen Theorie, Wien 1996


Kultur als Symptom

Es fällt nicht leicht, über Kultur zu reden. Der Begriff ist ebenso unscharf wie emphatisch besetzt. Er grenzt nichts aus, wenn man ihn anthropologisch als Bezeichnung menschlicher Lebenssitten nimmt. Und er grenzt fast alles aus, wenn man ihn zur Bezeichnung menschlicher Spitzenleistungen der Orientierung in einer so oder so in Distanz gesetzten Welt nimmt. Der Begriff öffnet sich pathetisch, wenn es darum geht, menschliche Wahlverwandtschaften mit dem Erhabenen zu dokumentieren. Und er schließt sich pragmatisch für die Untersuchung noch des alltäglichsten und unscheinbarsten Details, das als Zeichen für ein nicht mehr zu begreifendes Ganzes gelesen werden kann. Kultur reicht von der Currywurst bis zu den Balletten Forsythes, von der Gewalttat bis zur wissenschaftlichen Glanzleistung, von den Tätowierungen der Maoris bis zu den Nadelstreifen der Top Manager.

Es gab und gibt genug Vorschläge, den Begriff fallen zu lassen. Zugleich jedoch scheint er unverzichtbar. Es würde uns etwas fehlen, könnten wir nicht mehr über Kultur reden, etwas als Kultur behaupten und mithilfe der Kultur ein subtiles Spiel der Ein- und Ausgrenzung treiben. Der ganze Kulturbetrieb hinge in der Luft, würde man ihm seine vieldeutige Grundlage nehmen. Er müßte in seinen Produkten zur Kunst und in seinem Betrieb zur Wirtschaft geschlagen werden und würde damit seine Funktion verlieren, politischen Interessen der Behauptung und Gestaltung von "Nation" und "Region" zuarbeiten zu können.

Und was würde man mit den Kulturwissenschaften machen, die jüngst wieder zu Ehren gekommen sind? Es würde offenkundig, daß es sich bei diesen Wissenschaften um eine durchaus merkwürdige Kombination der alten Sittengeschichte und Völkerkunde mit einem Rückzugsgebiet für jene Gelehrsamkeitsinteressen handelt, die in einer zunehmend theoretisch kontrollierten und avancierten Wissenschaft nicht mehr zum Zuge kommen. Die wenigen Ansätze zu einer Kulturtheorie, die es gibt, fallen zwischen den Geschichten des Pfeffers, des Fußballs und der Gaslaterne kaum noch auf.

Vor allem jedoch, so hält Niklas Luhmann fest, steckt in der Kultur ein Vergleichswissen, das das unverzichtbare Komplement des Experiments der modernen Gesellschaft mit Identitäten ist. Die Kultur verdoppelt alle Phänomene, die derart nicht nur als das genommen werden müssen, was sie sind, sondern auch als Zeichen für anderes. Erst auf dieser Grundlage kann der Kulturbetrieb seine Mission entfalten, die darin besteht, Identitäten zu identifizieren, zu kontrastieren und auf die Probe zu stellen, indem die Kontexte variiert werden, in denen sie sich behaupten können. Und nur auf dieser Grundlage haben die Kulturwissenschaften einen Sinn. Sie spinnen auf ihre zuweilen bewußt verharmlosende Weise Geschichten um das, was so, wie es erzählt wird, schon lange nicht mehr funktioniert.

Man versteht Kultur falsch, wenn man glaubt, es handele sich bei ihr um so etwas wie ein Reservoir allgemein akzeptierter Werte. Vielmehr ist die Kultur ein Produkt des Streits um Werte. Kulturell etabliert ist das, was als selbstverständlich beschrieben wird, weil es das angesichts interner oder externer Infragestellung schon längst nicht mehr ist. Das gilt auch für die "Kulturkämpfe", von denen amerikanische Politikberater sprechen. Hier tritt nicht eine Kultur gegen eine andere an, sondern eine Kultur sucht ein Verhältnis zur eigenen Bedrohung und sucht sich dafür eine externe Adresse. Die andere Kultur gilt als Angreifer. Aber sie kann nur als Angreifer gelten, wenn man an der eigenen merkt, daß sie schon nicht mehr die Orientierung liefert, die man von ihr erwartet. Die Rede von Kultur ist im griechischen Wortsinne von "Symptom" ein Zufall, eine vorübergehende Eigentümlichkeit, ein Anzeichen für unverstandene Vorgänge. Jeder Versuch, diese Symptomatologie auf die Vorgänge hin zurückzubuchstabieren, ist riskant und setzt sich schnell dem Verdacht der Sternendeuterei aus.

Aber seit dem 18. Jahrhundert scheint kein Jahrhundertende ohne einen solchen Versuch auszukommen. Johann Gottfried Herder verwendete in seiner "Auch eine Geschichte zur Bildung der Menschheit" (1774) den Kulturbegriff, um eine Gefühl für das Gärende in menschlichen Gesellschaften zu wecken. Friedrich Nietzsche interessiert sich ein Jahrhundert später in "Menschliches, Allzumenschliches" (1878) für die Lüge, die Gewalt und die Rücksichtslosigkeit als Eigenschaften dessen, was er als "Genius der Kultur" akzeptieren würde. Auch unser Jahrhundertende beschreibt die Kultur als Drama, etwa bei Friedrich Tenbruck, Hans Peter Thurn und Wolfgang Lipp. Aber wie schon bei Herder und Nietzsche liegt der Akzent sehr deutlich auf dem Versuch, das Drama zugleich ernst und leicht nehmen zu können und eine Art irenischer und stoischer Haltung zu ihm zu entwickeln.

Es sind Soziologen, die diese Haltung auf den Punkt bringen. Kultur, das ist für Max Weber und Mary Douglas der unentscheidbare Streit um die Werte, die man nur wählen, aber nicht in eine Rangordnung bringen kann. Kultur ist die Beobachtung, daß die einen dies und die anderen etwas anderes für richtig halten, ohne andere Gründe für diese Richtigkeit angeben zu können als den Grund, daß man es für richtig hält. In den niedrigeren Schichten streitet man über Moral, in den höheren über Geschmack. Kultur ist Unterscheidung. Kultur ist Wertung. Und der Sinn jeder Wertung besteht darin, den Zweifel anzulocken, weil man glaubt, genügend Antworten parat zu haben.

Gleichzeitig jedoch glaubt niemand, daß Ordnung von Kultur abhinge. Im Gegenteil, man ist davon überzeugt, daß es auch ohne Kultur zu einer Ordnung käme, allerdings zu einer Ordnung, die nicht als menschenwürdig gelten könnte. Schlimmstenfalls käme es zur Ordnung der Barbarei, bestenfalls zur Ordnung der Zivilisation. Beide Ordnungen sind unzureichend, so glaubt man, denn die eine setzt auf den Menschen als Tier, die andere auf den Menschen als Maschine, die eine auf den Trieb, die andere auf die Beherrschung. Wo bleiben da der freie Wille, die intelligente Spontaneität, die durchdachte Entscheidung?

Also ist Kultur ein Abwehrbegriff gegen allzu natürliche und allzu unnatürliche Zustände menschlicher Ordnung. Die Kultur gilt als Erhebung zum wahrhaft Menschlichen. Als menschlich gilt, was seinen Trieb beherrschen und diese Beherrschung dosieren kann. Kultur ist die Kunst der Lücke, die sich der Mensch, der weiß, was er sich schuldig ist, in der Welt schafft.

Diese Lücke in der Welt, dieser Nullzustand einer potentiellen Unendlichkeit, ist das Tummelfeld der unterschiedlichsten Geister und Gemüter. In diese Lücke eilt der Theoretiker, der in der Welt eine Aussage über die Welt zu formulieren versucht, ebenso wie der Terrorist, der jetzt und hier deutlich zu machen versucht, daß alle Spielräume verschlossen sind. In dieser Lücke treffen sich der Glaubensstifter mit dem Feuilletonisten, der Unternehmer mit dem Clown, der Einwanderer mit dem Ausreisser und der Dichter mit dem Karikaturisten. Sie alle tun etwas, was seinen Grund in einer unbekannten Zukunft hat. Sie arbeiten an etwas, was sie nicht bestimmen können. Sie meditieren im strengen Sinne des Buddhismus, um herauszufinden, wovon sie abhängig sind, ohne es zu wissen, und was sie wollen können, ohne es haben zu müssen.

Kultur ist immer eine Meditation über die Lücke. Das gilt für alle drei Kulturbegriffe, die sich historisch mit hinlänglicher Schärfe unterscheiden lassen, nämlich für den antiken, den modernen und einen Kulturbegriff, der mangels einer besseren Bezeichnung vorläufig und symptomatisch der genetische genannt wird.

Bei den Römern tritt "cultura" nur mit einem Genitiv auf, ist zum Beispiel Kultur des Akkers, Kultur der Seele oder Kultur der Schmerzen und meint damit Landwirtschaft, Philosophie (cultura animi) und christlichen Glauben (cultura dolorum). Gemeint ist immer ein Verhältnis der Pflege und Verehrung und ein paradoxiefreundliches Wissen darum, daß Dinge, die von alleine wachsen und gedeihen, dies nur tun, wenn sie entsprechende Sorge und Aufmerksamkeit erfahren. Die Lücke liegt hier zwischen den verfügbaren Ursachen, dem Ackergerät, der Begrifflichkeit oder der Glaubenshaltung, einerseits und unverfügbaren Ursachen, klimatischer Gewogenheit, Gemütszuständen und göttlicher Gnade, andererseits. Kultur bedeutet hier, daß man das, was man nicht kontrollieren kann, nur pflegen kann.

Der moderne Kulturbegriff läßt den Genetiv fallen. Kultur ist jenes Eigenständige und Eigensinnige, das verschiedene Gesellschaften als menschliche kennzeichnet, obwohl und weil sie ganz unterschiedliche Sitten aufweisen. Die Anthropologie und Ethnologie pflegen noch heute diesen Kulturbegriff, der aus der Entdeckung der Verschiedenartigkeit der Völker resultiert und festhält, daß man vergleichen kann, was unvergleichbar ist. Die Lücke liegt hier zwischen dem Wissen darum, daß Sitten austauschbar sind, und der Selbstverständlichkeit, mit der Sitten jeweils als selbstverständlich, ja notwendig, also unaustauschbar gelten. Der moderne Kulturbegriff ist ein Begriff des Vergleichs, der festhält, daß sich das Einzigartige dem Vergleich entzieht und grantig wird, wenn es ihm dennoch ausgesetzt wird.

Der genetische Kulturbegriff ist erst in Ansätzen entfaltet. Seine weitreichendste Forrnulierung hat er jüngst in Heiner Mühlmanns Buch "Die Natur der Kulturen " gefunden, doch wird damit eine Tradition aufgegriffen, die mit Abwandlungen von Aristoteles bis Rene Girard reicht. Mühlmann stellt die These auf, daß jede Kultur Ergebnis der Bewältigung und nachträglichen Bewertung eines maximalen Stressereignisses, eines Krieges, eines "Gründungsmords" (Girard) oder einer Revolution ist. Die Genese einer Kultur fällt zusammen mit dem Festhalten einer sozialen Form, die bei der Bewältigung des Ereignisses entstanden ist oder sich im Verlaufe des Ereignisses bewährt hat. Kultur entsteht nach dem Schrecken und hält fest, welche Form sich eine Gesellschaft gegeben hat, die den Schrecken überlebt hat.

Beim genetischen Kulturbegriff liegt die Lücke zwischen dem Streßereignis auf der einen Seite und der Form, die dessen Bewältigung festhält, auf der anderen Seite. Die Lücke wird im Laufe der Zeit immer größer, das Ereignis verschwindet aus dem Gedächtnis der Kultur, die Kultur "degeneriert", wie man dann sagt, während Kulturapologeten und Kulturkritiker unisono, wenn auch von verschiedenen Seiten, den Verfall beklagen.

Der genetische Kulturbegriff ist uns sicherlich am wenigsten geheuer. Er erinnert uns an eine Genese, die wir mit unserem determinationsfeindlichen Kulturbegriff am wenigsten zu akzeptieren bereit sind. Und er behauptet, daß die einzige freie Tat, der wir uns rühmen könnten, erstens hinter uns liegt und zweitens keine war. Sie war vom Stress gezeichnet. An ihr arbeiten wir uns ab. Wir hören nicht auf, Geschichten zu erzählen, die an das pathos der vergangenen Zeit erinnern. Und unaufhörlich erfinden wir andere Geschichten, die gegen dieses pathos das ethos des Alltäglichen, des Gewöhnlichen und des Unauffälligen setzen.

Wir sind empfindlich, wenn es um Kultur geht; das ist das Phänomen, das es zu erklären gilt. Im genetischen Kulturbegriff verbirgt sich eine Theorie unserer Emotionen, von denen wir seit Freud und Lacan wissen, daß wir gar nicht wissen wollen, wie es um sie steht. Aber es verbirgt sich im genetischen Kulturbegriff auch eine Theorie unserer Gesellschaft. Einerseits kann diese Gesellschaft Kultur nur noch als Symptom des Unvordenklichen nehmen und Gesänge aus ihr gewinnen, die uns um so schöner scheinen, je sprachloser sie uns machen. Und andererseits arbeitet diese Gesellschaft an der Kultur, versucht sie zu zähmen und zu zivilisieren und diese unvordenkliche Bedingung ihrer eigenen Form in die Form wiedereinzuführen.


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