"Asthetik & Kommunikation", Dezember 96, Stephan Geene

Rezensionen zu Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen: Entwurf einer kulturgenetischen Theorie, Wien 1996


Dress War

Neue Phantasmen zur Kulturbeherrschung

Stellen wir die These auf: Kultur ist ein Lebewesen. Sie ist sozusagen ein Tier, ein wildes Tier, mit diesem Satz fasst Heiner Mühlmann selbst seine »kulturgenetische Theorie« zusammen und definiert, was er für die »Natur der Kulturen« hält. Dabei handelt es sich um ein technisches Update (sozial)darwinistischer Evolutionstheorien. Da die kulturelle Evolutionslogik aggressiv sei, versucht Mühlmann es auch zu sein; die bereits bestehenden Kränkungen des Menschen durch Kopernikus und Freud glaubt er um eine neuerliche »Kränkung« erweitern zu müssen: auch Kultur sei keine >Kulturleistung< des Menschen, sondern lediglich Anpassung an die Umwelt.

Kultur ist für Mühlmann ein Set von Eigenschaften und Merkmalen, die sich innerhalb eines lokalen Bereichs von Generation auf Generation übertragen lassen. Kochrezepte, Kleidungsnormen oder religiöse Gebräuche fallen darunter. Sie alle lassen sich durch Regeln darstellen und seien daher auch algorithmisch zu erfassen. Die Verhaltensparameter einer Kultur werden bei Mühlmann primär unter dem Aspekt der Kooperation der Individuen untereinander erfasst, mit dem auch das Einschliessungs- und Ausschliessungspotential des Individuenverbandes korreliert. In diese Kooperarion führt Mühlmann den Faktor >Stress< ein, der als techno-magische, bio-chemische Substanz auf allen Ebenen (Mensch, Gehirn und Sozialsystem) seine simpel-vertrackten generischen Aktivitäten entfesseln soll. Um nachzuweisen, daß Streßverhalten für das Individuum die wesentliche Kategorie sei, »gewissermassen die letztinstanzliche Urteilsfindung des Individuums«, durchläuft Mühlmanns Kaskaden von Ebenensprüngen: das Kampfverhalten der Tupaja-Männchen, die »Schnittstelle« zwischen neurologischen und endokrinen Faktoren, Hypothalamus, Neurotransmitter, Nebennierenrinden und schlussendlich die Konklusion: Stress sei in Form von »Cortisolkonzentration im Blutkreislauf« oder »Vanillin-Mandelsäure im Urin« feststellbar. Nun gut Mühlmann hat damit nichts gezeigt als nur ein Gefühl vermittelt, dass »hochaggressive Hooligankulturen« irgendwie einer biomechanischem Bestimmung folgen und dass auch »unsere« Kultur dem nicht entgehe.

Kultur wird von Mühlman einerseits zu einem Subjekt hochgeschraubt und andererseits Objekt. Als »selfish culture« (egoistische Kultur) sei sie ein »Hypersubjekt (dass) eine aggressive und übermächtige Dynamik« entwickele. Hierin bezieht er sich auf den in ähnlicher Weise als methodisch unbedenklichen Biotechno-Deterministen bekannten Richard Dawkins (»Das egoistische Gen«). Dieser hatte sich jedoch am anderen Leiterende zu schaffen gemacht und am einzelnen Gen einen Willen festgestellt, ein Streben, sich durchzusetzen, sich zu erhalten, eben dem Willen zur Reproduktion. Für beide Autoren gilt, dass sie spiegelverkehrt erst biologische und technische Systeme anthropomorphisieren, um danach auf die technische System-Natur des Menschen zu schließen. Für Mühlmann ist Kultur, die er eben noch zum Subjekt gemacht hatte, gleichzeitig ein »Objekt, das von einem dreidimensionalen genetischen Phasenraum beschrieben wird«. Dieser »Phasenraum«, ein aus der Physik bekanntes mehrdimensionales Koordinatenkreuz, werde von drei Faktoren bestimmt. Das ist zuerst einmal die von ihm als gegeben vorausgesetzte und »FIeischgenetik« genannte Molekulargenetik, die Eigenschaften wie Augenfarbe, etc. weiterleite. »Formale Genetik« nennt Mühlmann den zweiten Bestimmungsfaktor, worunter die erlernten und durch Gewöhnung erworbenen Merkmale fallen, die sich kulturell übertragen lassen - was mit dem zusammenfällt, was ansonsten überhaupt Kultur genannt wird. Der dritte Faktor bleibt vage und fiction; unter »Genetischem Algorithmus« versteht Mühlmann gerade in der Entwicklung begriffene kleine Maschinen, die nicht programmiert sind, sondern deren zufällige Eigenschaften durch Selektion von Generation zu Generation optimiert werden und am Ende praktische Aufgaben übernehmen können wie »ein gutes Haustier«.

Mühlmann stützt sich blind auf alles, was nur ausreichend technisch und biologisch gleichzeitig formuliert ist. Ob die von ihm aufgegriffenen Thesen aus Genetik, Künstlicher Intelligenz, Neurologie, biologischer Evolutionstheorie zutreffend sind oder vielleicht nicht, das ist für ihn niemals eine Frage: er setzt ihre Richtigkeit voraus - das ist nicht nur voraussetzungsreiche Wissenschaftsgläubigkeit, wie sie selbst in der Wissenschaft nur da anzutreffen ist, wo Öffentlichkeitsarbeit (und daher fundraising) betrieben wird, darin äussert sich das ausschliesslich politische Moment von Mühlmanns Theoremen. Die ideologische, d. h. behauptete aber niemals eingelöste System-Rationalität westlicher Ökonomie und Gesellschaftsorganisation ist hier Voraussetzung der Untersuchung - insofern beweist Mühlmann unentwegt nur, was er schon voraussetzte. Damit wird diese Effiziens-Rationalität nicht nur zur angeblichen >Natur< der Natur, sondern auch der Kultur. Was ist also »natürlicher« als - z.B. - kulturell-militärische (imperialistische) Herrschaft? Nichts, meint Mühlmann, nur sei es für alle Interaktionspartner auf lange Sicht effizienter, zu kooperieren. Auch wenn er glaubt, diese These sei durch algorithmisch optimierte Verfahren mathematisch-formal >bewiesen worden< so bleibt es dennoch nur Variante kantianischer Ethik; nicht als Aufklärung durch Vernunft, sondern als Algebra. Warum wir alle diese Einsicht bisher einfach nicht befolgten, liege an Stressfaktoren, die nun durch eine »Dämpfung«, eine Zivilisierung der »Iterationsparameter« bewältigt werden könnten - »Hominisierung«, schlägt Mühlmann vor, statt Humanisierung

Dieses Ziel ist eine Herrschaftsgeste schon deshalb, weil die »Zivilisierung« nur als staatliche oder multikorporale Intervention gedacht werden kann. Mühlmann identifiziert sich imaginär genau mit der Kultur, von der er sich analytisch zu befreien sucht; eine Kultur, die an ihren Weltauftrag glaubt und sich damit als überlegen installiert.

»Ohne Kulturbeherrschung ist die unabdingbare universale Zivilisation nicht durchzusetzen«.
Dress war.


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