|
| ||
"Soziale Systeme", Dirk Baecker, Universität Witten/HerdeckeRezensionen zu Heiner Mühlmann, Die Natur der Kulturen: Entwurf einer kulturgenetischen Theorie, Wien 1996 |
||
|
|
||
|
Von Kultur auch ohne Ehrfurcht reden zu können, scheint das Ziel aller Kulturtheorien zu sein. Gegen die eher gelehrten Erkundungen der Kulturanthropologie, der Kulturphilosophie und der Kulturwissenschaft verfolgt die Kulturtheorie das Ziel des Abbaus der Ehrfurcht. Gegen alle Bestrebungen, die Kultur in die Tiefe und in die Höhe, in das Unverständliche und in das Ungreifbare zu verlegen, setzt die Kulturtheorie auf die Möglichkeit, der Kultur nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine Funktion zuschreiben zu können. Besonders erfolgreich ist die Kulturtheorie in diesem Bestreben dann, wenn sie sich mit der Soziologie verbündet. Dann reduziert die Kultur sich rasch auf den Streit darüber, wie man sich korrekt oder inkorrekt verhält, kleidet, spricht und schneuzt. Zu allem, was es in der Welt sowieso schon gibt, führt die Kultur die Möglichkeit der Deutung und Wertung ein. Jede Deutung und jede Wertung ruft die Möglichkeit des Vergleichs mit anderen Deutungen und anderen Wertungen auf den Plan, so daß die Kultur an jener Passion der Moderne partizipiert, die die Passion des Vergleichs und der Differenz ist. Wenn sie sich, sonst wäre sie nicht Deutung und Wertung, immer auch gegen den Vergleich und die Differenz stellt und das Unvergleichbare und Identische behauptet, so ist dies funktional gesehen nichts anderes als die Sicherstellung des Vergleichbaren und Differenten. Kultur implementiert sich auf der Ebene des Streites über die Werte, nicht auf der Ebene der Werte. Heiner Mühlmann schlägt einen genetischen Kulturbegriff vor, der gelehrten ebenso wie theoretischen Interessen entgegenkommt. Im Anklang an eine vielfach eher ausgeblendete Begriffstradition, die von Aristoteles' Katharsis-Verständnis bis zu Rene Girards Theorem der Gründungsgewalt reicht, ist auch für ihn jede Kultur eine Kultur nach dem Schrecken. Kultur ist das Ergebnis der nachträglichen Bewertung der Bewältigung eines Streßereignisses. Maximaler Streß begründet ganze Gesellschaften, kleinere Ereignisse begründen Subkulturen, Organisationskulturen, Familienkulturen. In jedem Fall hat man es am Anfang mit einem entweder exogen gegebenen oder endogen erzeugten Stressor (Aggressor) zu tun, dessen Herausforderung in einem mehr oder weniger kriegerischen Akt bewältigt wird, wobei die Form dieser Bewältigung anschließend so festgehalten wird, daß die größte Leistung bei der Bewältigung den höchsten Wert (den Wert des Erhabenen) zugeschrieben bekommt und alle anderen Stellen und Positionen in der Gesellschaft (oder Subkultur, Organisation, Familie...) in ihrem mehr oder minder großen Abstand zu diesem höchsten Wert bestimmt werden. Es entsteht eine transitive Wertehierarchie, die mit Blick auf die Bewertung der Bewältigung des Streßereignisses Raum für Konkurrenz um die Nähe zum höchsten Wert bietet. Das Modell verknüpft gelehrte mit theoretischen Interessen, indem einerseits prinzipiell unentscheidbar bleibt, welches Streßereignis bestimmten Kulturen zuzuordnen ist, und andererseits die funktionale Hypothese aufgestellt wird, daß es immer ein solches Streßereignis gibt. Historiker und Psychologen, Anthropologen und Soziologen können dieses Modell zum Ausgangspunkt gemeinsamer Forschungen nehmen, in denen sichergestellt wäre, daß jede Aussage über eine Kultur immer auch eine Aussage über den Forscher wäre, der diese oder jene Streßdiagnose trifft. Denn selbstverständlich wäre nie sicher, ob das Streßereignis begriffen ist und ob das Begreifen eines Streßereignisses nicht bereits an der Bewertung der Bewältigung eines vorausliegenden Streßereignisses partizipiert. Diese Kulturtheorie unterstellt eine Formlogik, die es im Sinne des Kalküls von Spencer Brown mit dem Schreiben von "unwritten crosses" zu tun hat. Was immer man aufdeckt, kann man nur aufdecken, indem man nicht aufdeckt, was einen befähigt, etwas aufzudecken. Damit kommt der Kulturbegriff von Mühlmann einem gegenwärtigen Interesse an Kulturtheorie entgegen, deren schönste Eigenschaft, mit einem Wort von Clifford Geertz, darin besteht, daß sie nicht ihr eigener Herr ist. Auch Mühlmanns genetische Kulturtheorie partizipiert an der Logik, die er beschreibt. Seine Arbeit ist Arbeit an der Form der Kultur. Und niemand weiß, worauf diese Arbeit letztlich stößt.
Peter Sloterdijk, Selbstversuch. Ein Gespräch mit Carlos Oliveira, München: Hanser, 1996, vermutet: auf den Streß des Geburtsereignisses. Dort allerdings wäre er dann auch unhintergehbar aufgehoben.Der Aufbau des Buches von Mühlmann, dem eine Habilitationsschrift an der Bergischen Universität Wuppertal zugrundliegt, orientiert sich an den Phasen der Kulturgenese. Vor der Kultur gibt es so etwas wie eine erste Gesellschaft, die durch Werkzeuggebrauch, kooperatives Verhalten und Allelopathien (Gefühlsreaktionen, die durch das Wahrnehmen der Gefühlswahrnehmungen anderer ausgelöst werden) gekennzeichnet sind (Phase 1: Lokale Regeln). Sobald die in der Gesellschaft lebende Population Insider-Injunktionen ausbildet, also eingrenzt, was sie als dazugehörig empfindet, und ausgrenzt, was sie als nicht dazugehörig empfindet, entsteht eine streßsensible Organisation, die in dem Moment, in dem ein realer oder fiktiver Stressor auftritt, einen kritischen Zustand erreicht (Phase 2: Streß). Entscheidend für die Entstehung einer Kultur ist jedoch nicht die Streßreaktion selbst, sondern ihre anschließende Bewertung, die aus dem Kooperationserfolg eine die lokalen Regeln übergreifende globale Ordnung entstehen läßt (Phase 3: Relaxation - Regeleinstellung). Mühlmanns Interesse gilt vor allem der griechisch-römischen Kultur. Alles begann mit den Hoplitenphalanxen, in denen individuelle Fluchtaffekte ausgeschaltet werden konnten und die Idee des Kampfes auf Leben und Tod Platz greifen konnte. Bis ins achtzehnte Jahrhundert (Phase 4: Iteration) hält die decorum-Lehre der Rhetorik eine Regeleinstellung fest, die dem Feldherrn mit allen dazugehörenden Anzeichen des pathos den Wert des Erhabenen einräumt und den Gegenpol in einem ethos pastoraler Niedrigkeit und angenehmer Gefühle etabliert. Seither unterscheidet diese Kultur zwischen pulchrum (das Schöne) und aptum (das Angemessene), zwischen dem Wahren und dem Wahrscheinlichen, wobei doxa, sensus communis und prudentia bei Aristoteles, Augustinus, Vico und Gracian zunehmend nicht nur als die eher abgewerteten Werte, sondern in dieser Abwertung als die tragenden Elemente (supplemente) der Hierarchie ebenso wie möglicher Alternativen zu dieser Hierarchie erscheinen. Keine Kultur ohne Dekonstruktion des Stresses, könnte man also vermuten. Mühlmann spricht nicht von Dekonstruktion, sondern von der Zähmung und der Zivilisierung der Kultur. Sein Interesse gilt den Chancen, die Iterationen dieser Kultur zu unterbrechen. Wenn sich in einer Gesellschaft andere Streßwahrnehmungen durchsetzen, verliert eine Kultur ihren adaptiven Wert und es kommt zu Gegenanpassungen von Abweichlern und Aussteigern, die deutlich machen, daß es ein neues Überlebensinteresse gibt. Mit Vorstellungen einer decorum-Regeleinstellung war vermutlich noch die Arbeiterbewegung, aber sind zum Beispiel die ökologischen Bewegungen nicht mehr abzubilden. Sie unterziehen sich derAufgabe eines Antistreßtrainings der alteuropäischen Kultur, in denen nicht der Hoplit, sondern der rainbow-warrior die zentrale Figur ist. Der uns bekannte Zustand der Kultur der westlichen Gesellschaft ist dadurch geprägt, daß aus den über Jahrhunderte erfolgreichen Aktionen der Population neue Werte entstanden sind, in denen Außengefahren nicht mehr in Rechnung gestellt werden. Die Kultur befindet sich in einer Hybris-Phase (Phase 5: Degeneration), die Ende des achtzehnten Jahrhunderts begonnen hat und laut Mühlmann gegenwärtig wahrscheinlich schon ihr Ende gefunden hat. Streßrelevante Vorschriften gibt es nicht mehr, aber die dazu passenden Beschreibungen werden immer noch reproduziert und erzeugen leeren Sinn. Die ästhetische Kultur überläßt den Krieg sich selbst und versteht nicht einmal mehr, wenn Autoren wie Francis Fukuyama von der verlorenen Seele reden und Autoren wie Samuel P. Huntington einen neuen Kulturkampf ausrufen. Mühlmanns Buch überzeugt aus drei Gründen. Erstens formuliert er eine Hypothese zum Verhältnis von Gesellschaft und Kultur, die auf die Funktionalität ebenso wie auf die Latenz der Kultur abstellt. Damit ist so etwas wie eine Reanthropologisierung des soziologischen Kulturbegriffs verbunden, die in der Soziologie Diskussionen auslösen sollte. Zweitens vermag er es, für die Ableitung seiner Hypothese auf kognitionswissenschaftliche Argumente (Neurophysiologie des Stresses) sowie auf evolutions- und populationstheoretische Theoreme zurückzugreifen, die der Kulturtheorie neue Impulse geben können. Mühlmann zitiert R. Boyd und P. J. Richerson, Culture and the Evolutionary Process, Chicago: Chicago UP, 1985Und drittens kommen der Autor und sein Buch in diesem Buch selbst mit vor. Das Buch hat Anteil an dem Bestreben, die Kultur zu zivilisieren, den Streß durch Erkenntnis des Stresses abzubauen und nicht nur auf die neuen Gefahren der ökologischen Bedrohung hinzuweisen, sondern zur Bewältigung dieser Gefahren auf eine neue Kultur hinzuweisen, die sich ihres eigenen Ausgesetztseins ('exposure') bewußt wird. Mit Michel Serres und Bazon Brock verweist Mühlmann auf Ansätze zu einer dazu passenden neuen Rhetorik des Unterlassens und der Selbstfesselung. Mühlmanns deklarierte Absicht ist es, gegenüber unserer Kultur das Mißtrauen zu wecken. Das ist ihm in meinen Augen glänzend gelungen. Dirk Baecker, Universität Witten/Herdecke
|
||
| Homepage | Aktuelles | Lehrbetrieb | Projekte | Schriften | Lexikon zur Ästhetik | Ästhetik als Vermittlung | Die Gottsucherbande | Die Redekade | Interviews mit BB | Schriften über BB | Neuere Schriften | ||
© Lehrstuhl für Ästhetik 1996. Alle Rechte vorbehalten |
||