Prof. Dr. Thomas Lehnerer

Methode der Kunst


(Habilitation von 1992)

Die Philosophie ist die
Mutter aller Künste.
(Cicero)


Einleitung


1. Motiv

Seit mehr als zehn Jahren zeige ich meine künstlerische Arbeit in der Öffentlichkeit. Ich kann nicht behaupten, daß mir immer klar gewesen ist, was es bedeutet, Zeichnungen, Malereien, Plastiken oder Installationen als "Kunstwerke" auszustellen. Ich habe jedoch stets versucht, mir darüber Klarheit zu verschaffen: theoretische Reflexion war und ist integraler Bestandteil meiner künstlerischen Arbeit. In der folgenden Schrift will ich versuchen, diese Reflexionen zu ordnen, im Austausch mit anderen Theorien in einen verständlichen Zusammenhang zu bringen und zu begründen.1

Die wesentliche Erfahrungsgrundlage bildet dabei meine eigene künstlerische Arbeit.2 Wenn ich im folgenden daher über Kunst und ihren Begriff spreche, so habe ich zunächst die "bildende Kunst" vor Augen. Die Frage, ob und in wieweit sich das theoretische Konzept auch auf andere Künste (Literatur, Musik, Film, etc.) anwenden laßt, kann, soweit ich sehe, positiv beantwortet werden, wurde in der vorliegenden Schrift aber nicht weiter verfolgt. Die bildende Kunst unterscheidet sich von den anderen Künsten in der Moderne wesentlich dadurch, daß eine vormals ihre Existenz bestimmende Funktion, die Funktion des Abbildens (Darstellung, Mimesis, Nachahmung), durch andere technische Verfahren (Photographie, Film, Computersimulation, etc.) und durch andere gesellschaftliche Bereiche (Unterhaltungsindustrie, Nachrichten- und Dokumentationswesen, Wissenschaft, Freizeitindustrie, Therapie, etc.) wesentlich ersetzt ist.3 Die bildende Runst ist daher heute als Ganze in einer Weise funktionslos geworden und dadurch "frei gesetzt", wie dies (bisher) offensichtlich in keiner anderen Kunstgattung möglich ist. Wie immer man mit dieser Freisetzung theoretisch umgeht und wie immer man sie bewertet, die neuere Geschichte der bildenden Runst kann aufgrund dieser Tatsache als paradigmatisch für die neuzeitliche Emanzipation der Kunst insgesamt gesehen werden.4

Was bedeutet es, eine Theorie auf der Basis eigener künstlerischer Arbeit zu entwickeln? Was ist das für ein Typus von Theorie eine Künstlertheorie? Und inwiefern kann sie Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben? Ich will diese Fragen einleitend - d.i. im Sinne von Hinweisen - erörtern und dabei auf verschiedene Problemfelder aufmerksam machen, eine Antwort allerdings gibt erst die durchgeführte Theorie. Historisch fällt zunächst auf, daß fast alle neuzeitlichen Künstler - und ganz besonders die Künstler der Moderne - ein mehr oder weniger explizites Gedankengebäude neben und zu ihrer Arbeit entwickelt haben.5 Und zweitens: Diese Gedankengebäude und das Phänomen der Künstlertheorie insgesamt fand bisher in der wissenschaftlichen Literatur so gut wie keine Beachtung.6 Keine Disziplin fühlt sich, was den Gehalt derartiger Theorien betrifft, zuständig. Die Kunsthistoriker konzentrieren sich meist auf die bildnerischen Werke und nehmen Texte nur als historische Quellen, die Philosophen historisieren die Texte zwar nicht, aber sie nehmen sie - als "Surrogatformen der Ästhetik" 7 inhaltlich nur bedingt ernst, die Runstler selbst schließlich sind in vielen Fallen nicht fähig oder gewillt, über ihren eigenen Rand zu sehen. Dies aber ware - nicht zuletzt im Interesse der Kunst und ihrer Wissenschaft - sinnvoll und notwendig.

2. Was ist eine Künstlertheorie?

Die Zeugnisse der Bildproduktion sind geschichtlich älter als die der Texte uber sie. Wir kennen Bilder bereits aus der Steinzeit.8 Erst mit der Herausbildung der Schriftkultur (in Ägypten, später in China und anderen Regionen) entstand überhaupt die Möglichkeit, parallel zu der Welt anschaulicher Bilder ein im Verhältnis dazu höher genormtes Bildsystem, die Laut-Schrift, zu entwickeln. Durch die Schrift können sprachlich artikulierte Gedanken optisch konstant gehalten und dadurch über längere Distanzen hinweg kommuniziert werden.9 Mit der Herausbildung der Laut-Schrift wird daher auch so etwas wie eine kollektive Denkfolge, eine Art allgemeiner Theoriezusammenhang, eine Geistesgeschichte möglich. Und in dem Maße, wie dieses Denken um Fragen der bildnerischen und künstlerischen Produktion kreist, läßt sich dann auch im weitesten Sinne von den Anfangen einer "Kunsttheorie" sprechen.10

Natürlich sind diejenigen, die über Bilder schreiben, zunächst nicht die bildenden Künstler selbst, sondern andere "Künstler", nämlich solche, die die Kunst des theoretischen Diskurses und des Schreibens beherrschen. Erst in der Neuzeit (seit der Renaissance) kennen wir von wenigen früheren Ausnahmen abgesehen - Künstler, die ihre Konzepte und Gedanken auch selbst zu entwerfen, reflektieren und aufzuschreiben im stande sind. Es gibt daher zwar kulturgeschichtlich schon sehr früh ein Nachdenken und Theoretisieren über Bilder und Bildermacher, aber erst spät Theorien, die von bildenden Künstlern selbst verfaßt sind, im eigentlichen Sinn "Künstlertheorien".

Exkurs: Geschichtliche Entwicklung

Einige der frühesten Zeugnisse von Theorieansatzen über Bilder und Bildermacher finden sich - prägend für unseren Kulturkreis - in den bildkritischen Texten der Bibel. Besonders wird man dabei an das Bilderverbot des Dekalogs denken.11 Aus der griechischen Antike kennen wir zahlreiche Texte, die uns - meist in Form von Anekdoten oder Aussprüchen - indirekt über das Selbstverständnis der Künstler und ihre Theorien unterrichten.12 Neben den antiken Historikern und Schriftstellern behandelten besonders die Philosophen kunsttheoretische Fragestellungen. Berühmt sind Platons Ausführungen zur zweifachen und daher doppelt unwahren Nachahmung der bildenden Kunst. Oder das von Aristoteles erhaltene kunsttheoretische Fragment über die Dichtkunst.13 Dabei handelt es sich jedoch stets um "indirekte" Darstellungen über Kunst und Künstler, nicht im stengen Sinne um Künstlertheorien - es sei denn, man sieht in Platon oder anderen Philsophen selbst (weltbild-bildende) Künstler.

Im Spätmittelalter und der Frührenaissance beginnen die bildenden Künstler aus dem Hintergrund ihrer Werke hervorzutreten. Die Autorenschaft wird (etwa durch Signatur) sichtbar.14 Die Zeugnisse uber die Künstler und ihre Arbeitsweisen werden dichter, es findet sich schließlich auch Schriftliches aus erster (nämlich ihrer) Hand. Aber erst die universell gebildeten Künstler der Hochrenaissance waren nicht nur der Schrift mächtig, sondern darüberhinaus auch in der Lage, den Theoriestand ihrer Zeit aufzuholen, ihn kompetent und souverän zu verarbeiten und durch eigene Theorien weiterzuentwickeln. Hier erst entsteht das Phänomen der Künstlertheorie im vollen Wortsinn. Es handelt sich etwa bei den (allerdings zu Lebzeiten weitgehend unveröffentlicht gebliebenen) Schriften Leonardo da Vincis oder den Schriften Albertis - um Theorien, die sich nicht mehr nur mit technischen Fragen der Kunst, sondern darüberhinaus mit ihrer umfassenden Begründung und entsprechend mit allgemeinen Themen, mit Natur, Religion und Gesellschaft befassen.15

Künstlertheorien waren, wenn sie - wie etwa die Albrecht Dürers veröffentlicht wurden, zunächst natürlich besonders an die Lernenden, Lehrenden und die Kunstwelt im engeren Sinne gerichtet, aber von allem Anfang an zugleich auch an die gesamte entweder höfische oder frühbürgerliche Öffentlichkeit. Das in den Theorien zum Ausdruck kommende Bildungsniveau und die Universalität der kunsttheoretischen Fragestellung machen sie auch für die zeitgenössische Wissenschaft und die reformatorische Bewegung interessant. 16

Umgekehrt werden die Reflexion über Fragen der Kunst und die Darlegung einer künstlerischen Sicht von Welt insgesamt seit der Renaissance zunehmend zu einem integralen Bestandteil der künstlerischer Arbeit selbst. Besonders durch die Gründung von Akademien und die Etablierung künstlerischer Schulen seit dem 16. Jh. intensivieren sich die theoretischen Anstrengungen der Künstler.17 Man denke etwa an die Arbeiten Giorgio Vasaris, der 1563 die erste eigentliche Kunst-Akademie in Florenz gründete und durch seine Künstlerviten (zuerst erschienen 1550) zum Vater der neuzeitlichen Kunstgeschichtsschreibung avancierte.18 Man denke etwa an die Schulauseinandersetzungen Anfang des 17. Jahrhunderts zwischen Guido Reni und Caravaggio.19 Man denke - um einen Sprung zu machen - an eine ganz andere Theorie- und Reflexionsform, an die Briefkultur des 18. und 19. Jahrhunderts, in der sich besonders die Romantiker, später auch die Vater der Moderne, Van Gogh, Cezanne, u.a. in einer (allerdings meist nicht unmittelbar öffentlichen Weise) umfassend zu ihrer Produktion äußerten.20 Man denke schließlich an die unzähligen Bücher, Artikel und Manifeste, mit denen die Künstler des 20. Jahrhunderts versuchten, ihre Theorien an die Öffentlichkeit zu tragen. Stellvertretend für viele nenne ich Adolf Hildebrand (Das Problem der Form in der bildenden Kunst), Wassily Kandinsky (Das Geistige in der Kunst), Paul Klee (Das bildnerische Denken), Kasimir Malewitsch (Suprematismus - Die gegenstandslose Welt), nach dem zweiten Weltkrieg Willi Baumeister (Das Unbekannte in der Kunst), Joseph Beuys (in zahrreichen Interviews, Parteigründungen, Manifesten), Andy Warhol (The Philosophy of Andy Warhol) und lebende Künstler etwa Franz Erhard Walter, Donald Judd, Pierre Klossowski, A.R. Penck, Ludger Gerdes, Martin Disler, Antoni Tapies und viele andere.21

3. Bemerkungen zu Form und Funktion

Die Bedeutung der Künstlertheorie nimmt, wie der Exkurs andeutet, in unserem Kulturkreis - zumindest bis zur Mitte unseres Jahrhunderts ständig zu. Besonders in Zeiten der "Blüte der Kunst", (neben der Antike) in der Hochrenaissance und der klassischen Moderne, bemühten sich Künstler intensiv um die theoretische Klärung und Begründung ihrer bildnerischen Arbeit. Die Art und Weise der Theoriebildung ist dabei im Einzelnen höchst unterschiedlich. Um eines Überblicks willen wird es sinnvoll sein, sich zunächst unabhängig von den einzelnen historischen Ausprägungen die verschiedenen Möglichkeiten und Bedingungen gedanklicher Äußerungen im Bereich der Kunst generell vor Augen zu halten.

Schon von außen betrachtet: Die Art und der Grad der Öffentlichkeit, für die und in der Künstlertheorien verfaßt wurden, ist unterschiedlich. Dies gilt sowohl historisch, denn die Öffentlichkeit der griechischen Polis ist eine andere, als die des mittelalterlichen Hofs, oder die der frühbürgerlichen Stadt. Dies gilt aber auch und besonders für die Gegenwart, in der im Prinzip alle Arten von Information (von den intimsten Privatangelegenheiten bis zu den alles entscheidenden globalen Katastrophen) überall und jederzeit übermittelt werden können. Ob und wie Informationen in die weltumspannenden Kommunikationsnetze eingehen und dadurch öffentlich werden, häangt nicht nur von den jeweiligen Inhalten, sondern wesentlich von den Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen der Medienwelt ab. Künstler waren und sind in ihren theoretischen Äußerungen entsprechend von diesen Bedingungen abhängig.22

Parallel zu den Formen und Dimensionen der Öffentlichkeit lassen sich zweitens die sprachlichen Gattungen unterscheiden, innerhalb derer Künstlertheorien auftreten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang zunächst all die Äußerungen und Texte, in denen von Nicht-Künstlern die Lebensweisen, Aussprüche, Methoden und Gedanken berühmter Künstler festgehalten werden. Es handelt sich dabei um uneigentliche, indirekte (von andern mitgeteilte) Künstlertheorie. Hinweisen kann man desweiteren auf (meist von Künstlern selbst verfaßte) Rezeptbücher, technische Anleitungen, etc., die bereits im Mittelalter einen wesentlichen Bestandteil künstlerischer Oberlieferung ausmachen.23 Zur Artikulationsmöglichkeit künstlerischer Gedanken gehören auch Briefe und Tagebücher, die zunächst vielleicht nur für den privaten Gebrauch bestimmt waren, später aber einer größeren Öffentlichkeit zugänglich wurden. Wichtig werden für unser Jahrhundert dann neben Büchern vor allem Zeitungsartikel, Flugblätter, Illustrierte, Kataloge, etc. und mit der Entstehung der Massennedien auch Filme, Videos, Fax, etc.24 Zur Explikationsform von Theorien gehören nicht nur lange Ausführungen, auch eine einzige Sentenz, eine kurze Bemerkung kann unter Umständen komplexe und neue Gedanken in die Welt setzen.

Grundsätzlich jedoch gilt: Je nach sprachlicher Gattung verändert sich nicht nur der Grad der Öffentlichkeit, sondern es verändern sich auch die reflexiven Möglichkeiten und Inhalte der Künstlertheorien. - Die Form der wissenschaftlichen Abhandlung, die ich für meine Theorie gewählt habe, wurde in unserem Jahrhundert von Künstlern bisher nicht genutzt.25

Nicht nur in Hinblick auf die Form, auch in Hinblick auf die thematische Ausrichtung von Künstlertheorien gibt es grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten. Schematisch kann man unterscheiden zwischen "technischen" Theorien, die sich mit künstlerischen Mitteln und Anwendungsfragen beschäftigen, und "grundlegenden" Theorien, die sich mit dem Begriff und Zweck der Kunst insgesamt und damit zusammenhängend mit allgemeinen (auch außerkünstlerischen) Themen befassen. Dabei kann es sich sowohl um literarische Überhöhungen und Visionen, als auch um mehr oder minder realistische Beschreibungen und Analysen handeln.26

Je nach thematischer Ausrichtung ändert sich entsprechend auch die Funktion der Künstlertheorie. Sie kann sich unmittelbar auf die Kunstwerke und ihre Produktion beziehen und dazu dienen, die künstlerische Arbeit methodisch und technisch zu klären. Eine derartige Theorieform - man konnte sie als "Poietik", als"Kunstlehre" oder "Methodologie" bezeichnen - betrifft das konkrete Was und Wie der Kunst. - Sie kann aber auch zur grundsätzlichen Klärung dienen: Der Künstler entwickelt in ihr sein eigenes Selbstverständnis, er entwirft das gedankliche Fundament, das ihn zum Machen von Kunst überhaupt motiviert. Derartige allgemeine Theorien antworten auf die Frage: Was soll ich als Künstler überhaupt tun und warum soll ich es tun.27 (Im Rahmen meiner Arbeit werde ich beide Funktionen, die allgemeine und die angewandte Funktion der Theorie, jeweils getrennt behandeln.) Es kann sich bei Künstlertheorien darüberhinaus aber auch um selbständige intellektuelle Produkte handeln, in denen der Autor seine aus der Kunst gewonnenen allgemeinen Einsichten und Sichtweisen öffentlich diskutiert. Seine Überlegungen haben dann meinungsbildende, pädagogische, möglicherweise politische Funktion. Sie unterscheiden sich in einem solchen Fall aber nicht von anderen nichtkünstlerischen Theorien. Ihrer innerkünstlerischen Funktion nach sind derartige Äußerungen den konkreten Kunstwerken (logisch) nicht vor-, sondern nach- oder nebengeordnet und verlaufen intentional mehr oder weniger parallel mit der bildnerischen Arbeit, ergänzen (oder stören) sie .28

Weiter mit Teil 2

Fußnoten


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