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Die Natur der KulturenEntwurf einer kulturgenetischen Theorie (ein Auszug) |
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Vorwort von Bazon Brock
Einleitung
1. Phase:
2.Phase:
3. Phase:
das unheroische decorum, Ästhetik des Unterlassens 4. Phase:
5. Phase:
nächste Phase:
von Bazon Brock Vor acht Jahren reichte Heiner Mühlmann am Fachbereich 5 der Bergischen Universität, Wuppertal, seine Habilschrift "Natura civitatis belli pulchritudo" ein. Er war mit der Arbeit sehr erfo]greich. Die Arbeit wurde angenommen -- ein Erfolg, aber sie wurde "nur" angenommen, weil sie nicht abgelehnt werden konnte -- ein großer Erfolg. Sie konnte nicht abgelehnt werden, weil die Ablehnung eine Bestätigung für die Vermutung gewesen wäre die Mühlmann gut begründet anstellte. War das bloß trickreich? Bedienten sich etwa die Psychoanalytiker bloß eines Tricks, wenn sie zum Beispiel die Ablehnung ihrer Behauptungen über den Stellenwert der Sexualität als Beweis eben der Behauptungen ansahen, daß wir nämlich in unserer Kultur mit Verdrängung, Verleugnung und Verkehrung operieren, sobald wir gezwungen werden sollen, die Dominanz der Sexualität für unsere Lebensformen zur Kenntnis zu nehmen und sie gerade dort wirksam zu sehen, wo wir ihren Einfluß weit von uns weisen. Mühlmann hatte behauptet, daß alle Kulturen, aber insbesondere unsere westliche, nur erfolgreich sind, insoweit sie Kriegerkulturen sind. Er behauptete vor allem, daß in unserer Ablehnung dieser gut begründeten Vermutung das Wesen unserer Kultur besonders zum Ausdruck kommt. Die Argumentationslogiken der Bellizisten und der Pazifisten, der Fundis und der Realos, glichen sich aufs Haar. Die Ablehnung seiner Behauptungen hätte sich also auf jene Logiken stützen müssen, nach denen er den bellicosen Charakter unseres kulturellen Selbstverständnisses gerade beschrieben hatte. Ein fauler Zauber, ein raffinierter Trick? Wenn schon, dann nicht von anderer Art als die Bemühungen der Normalwissenschaft, mit der pragmatischen Sanktion von Parodoxien, mit sprachlogischen Metaebenenunterscheidungen, mit der Denkfigur einer immer weitergehenden Ausdifferenzierung autopoetischer Systeme oder mit der schließlichen Verabschiedung von Wissenschaft in den philosophischen "Feyerabend" der Aufhebung ihrer Geltungsansprüche zu entgehen. Muß ich betonen, daß es Mühlmann nicht darum ging, die Kriegskultur zu feiern; ebenso wenig wie die Psychoanalytiker anarchischer Sexualität das Wort reden wollten. Er fragte schlicht danach, was uns daran hindert, mit der Realität unserer kulturellen Selbstbehauptung zu rechnen. In der Tat kann man sich kaum den Feststellungen verschließen, daß Mitglieder einer Kultur sich für wahre Menschen, die Mitglieder anderer Kulturen bestenfalls für Menschen einer anderen Art halten; sich selbst als friedfertig, die anderen als aggressiv, sich selbst wohlmeinend, die anderen für bösartig; sich selbst für Altruisten, die anderen für rücksichtslose Egoisten halten. Mit den Logiken dieser kulturellen Autozentriken bekommt man es da zu tun, wo die einen behaupten, ihre Aufrüstung sei eine Nachrüstung, weil ja die anderen aufrüsten, und man sich genötigt sähe, deren Aufrüstung Paroli zu bieten. Daß ein Präsident der USA die UdSSR als Reich des Bösen in allem Ernst, ja nur im völligen Ernst nennen konnte, läßt sich nicht als Ausfluß kognitiver Andersbefähigung abtun, sondern wird als Bestandteil kultureller Ausschlußregeln bereits dadurch erkennbar, daß lange Jahre Repräsentanten der UdSSR die Welt des westlichen Kapitalismus ebenso als Reich des Bösen glaubten kennzeichnen zu müssen. In welchem blinden Fleck der kulturellen Selbstwahrnehmung verschwinden wir bei solchen ganz rationalen, aber auf jeden Fall nicht als irrational abweisbaren Unterscheidungen zwischen Ich und Du, Wir und Sie, zwischen früher und heute, zwischen alt und neu, fortschrittlich und reaktionär, gläubig und ungläubig. Welches sind die unsichtbaren Bilder, die unsere kulturellen Vorstellungen beherrschen? Also fragte Mühlmann nach den Regeln, nach denen in allen Kulturen solche Selbstwahrnehmung generiert wird. In seiner Habilschrift glaubte Mühlmann noch, nur nach Beschreibungsregeln der Phänomene, nicht aber nach den Regeln ihrer Erzeugung fragen zu sollen. Er versuchte mit Hilfe wissenschaftstheoretischer Ansätze zum Beschreibungstyp Injunktion zu operieren, wie das auch G. Bateson (und zuvor etwa H. Rickert oder B. T Tassenstein) versucht hatte. Aber mit Injunktionen als hypothesefreien Deskriptionen, wie sie die vergleichende Verhaltensforschung zum Beispiel mit "das Individuum, die Spezies, das Leben, die Domestikation" u.ä. herausgebildet hatte, ließen sich zwar weiche, fließende Phänomene ins Kalkül bringen, nicht aber die Regeln der Kalküle. Deshalb verabredeten wir, Mühlmann möge zunächst einmal wissenschaftliche Disziplinen durchforsten, in denen man solchen Regeln nachspürte, indem man sie durch Algorithmen erzeugte -- auch wenn diese künstlich erzeugten Regeln mit denen in Natur und Kulturen evolutionär wirksamen noch nicht identisch sein konnten. Für diese Frage war zum Beispiel John Holland zuständig, dem es gelang, hochleistungsfähige generative Algorithmen sogar als spontane Emergenzen in evolvierenden Prozessen zu züchten. Insgesamt kamen wir nicht umhin anzuerkennen, daß die Soziobiologie, die Biologie der Erkenntnis, die Biochemie, die Genetik, die Neurowissenschaften, die vergleichende Verhaltensforschung, die Kleinteilchenphysik mit Blick auf die Kenntnis generativer Regeln unseren kulturwissenschaftlichen Ansätzen weit überlegen waren und überlegen sind. Die Erklärung dafür? Besagte Wissenschaften ließen sich, seit das überhaupt möglich ist, auf das Forschungsinstrument Computer ein, dessen Funktionslogiken von Hause aus auf Algorithmen beruhen. Die Frage nach generativen Regeln stand diesen Disziplinen von vornherein näher. Zum großen Teil beruhte deren Gründung auch schon in computerlosen Zeiten auf Regelgenerierung, wie sie die Newtons und die Mendels mit Bleistift, Papier, Mathematik und experimenteller Naturschöpfung zustande brachten. In die Kulturwissenschaften und speziell in die Kunstwissenschaften gingen erst, wenn auch erfolglos, Regelgenerierungen durch die Informationstheorie der 50er Jahre ein, obwohl auch für diesen Bereich zaghafte hausgemachte Versuche zu nennen sind, das Leben der Formen in Renaissancekulturen seit Hadrianischen Zeiten bis zum Autonomiepostulat der Künste um 1800 wenigstens mit Injunktionen zu beschreiben. Ihre umfassendste Systematik entwickelte L. B. Alberti zur Mitte des 15. Jahrhunderts in Florenz. Dessen Regelwerk des decorum im generativen Prinzip ,,Renaissance" vermittelt Mühlmann mit dem System generativer Regeln der Rhetorik, speziell in dessen Fassung durch Quintilian. Durch den Vergleich der generierenden Regeln, wie sie in besagten Naturwissenschaften gegenwärtig entwickelt werden, mit den Regelwerken der Systeme Rhetorik und decorum, startet nun Mühlmann zu dem Versuch, die generativen Prinzipien der Kulturen herauszuarbeiten -- durchaus anschlußfähig an systemtheoretisch operierende Sozialwissenschaftler wie Luhmann, oder an experimentell arbeitende Archäologen, die in dänischen Feldern Kulturevolution nachspielen, oder von Sozialpsychologen, die mit Mitgliedschaften in subkulturellen Banden resp. englischen Hooligangruppen experimentieren. Die Gemeinsamkeit aller so unterschiedlich vorgehender Forscher liegt formal und instrumental in der Verwendung möglichst leistungsfähiger Computer, den Simulationsmaschinen für Evolutionen. Mühlmann experimentiert mit der Simulation der Renaissanceregeln, wenn auch diese Versuche noch auf lange Zeit Stückwerk bleiben werden. Die Künstler der Neuzeit traten unter der Maxime "ut pittura poiesis" an, d.h. Modellbildung ist erkenntnisstiftend. Die zeitgenössischen Naturwissenschaften werden durch die Verwendung von Computern zur Einsicht genötigt, daß ihre Erkenntnisse Modellbildungen vom Typ der Künste sind: "ut scientia poiesis". Es ist nicht nur eine Pointe historischer Treppenwitze, daß so gut wie alle wissenschaftstheoretischen Begründungen dieses naturwissenschaftlichen Arbeitens im Begriff der Autopoiesis zusammenfinden. Vielmehr verweist dieser Sachverhalt auf die Möglichkeit, endlich Natur- und Kulturwissenschaften zu vereinheitlichen. Auf diese Denknotwendigkeit orientieren wir uns mit unserer Publikationsreihe "Ästhetik und Naturwissenschaften" als deren erster Band hier Mühlmanns "Die Natur der Kulturen Entwurf einer kulturgenetischen Theorie" vorgelegt wird. In welcher speziellen Absicht? Um sie zu kennzeichnen, wähle ich mit Bedacht Adornos Feststellung, daß die "Rücknahme der Kulturgeschichte in die Naturgeschichte durch die Erfahrung des 20. Jahrhunderts" erzwungen wird. Die Kulturkämpfe in Ex-Jugoslawien, in Georgien, Armenien und Aserbeidschan, in Sri Lanka, in Rwanda-Burundi, in Venezuela und Nordirland, Im Libanon und Afghanistan, in der Türkei/ Kurdistan, im südöstlichen Irak der Sunniten und Schiiten lassen den Zeitgenossen wenigstens ahnen, was Adorno konstatierte, nämlich daß die ideologische Verklärung der Kultur durch wohlmeinende westliche Humanisten zu einer eigenständigen Realität jenseits oder über der blinden Naturevolution unhaltbar ist. Da, wie Mühlmann darzulegen versucht, die Evolution der Kulturen nach Regeln abläuft, die in der Naturevolution zur Geltung kommen, und die sich dort offensichtlich bewährt haben, gilt es zunächst einmal, die Natur der Kulturen kennenzulernen. Das ist mit Mühlmanns Maxime "Hominisierung vor Humanisierung" gemeint. Erst wenn wir anerkennen, zu welch hohem Maß selbst kognitive Prozesse den Regeln der Naturevolution unseres Weltbildapparates unterliegen (das gezeigt zu haben ist der Verdienst der "Biologie der Erkenntnis"), können wir mit dieser Abhängigkeit rechnen, anstatt sie der Freiheit unseres Denkens und Vorstellens verdankt zu glauben. Erst wenn wir bereit sind zu akzeptieren, daß unsere Kulturformen aus den regelhaften Prozessen der Ausprägung unserer sozialen Natur hervorgehen, anstatt freien, willkürlichen Verabredungen zu entspringen, gibt es die leiseste Chance, mit ihnen anders umzugehen als mit den kulturkämpferischen Konsequenzen oben angedeuteter Distinktionen: "Wir Menschen und jene Barbaren, wir Aufgeklärte und jene Naturvölker". In unserem kulturellen Verhalten und unseren Urteilen müssen wir erst die unumgängliche Natur des homo homini lupus erkennen, bevor wir postulieren können, homo homini homo. Nichts begründet die Aussicht auf solche Erkenntnis wie der Nachweis, daß alle Kulturen den gleichen Regeln der Generierung folgen und, wo sie ihnen folgen, auch gleichwertig sind (im Sinne von gleich umfassend und gleich leistungsfähig).
Dieses Vorgehen wollen wir im weitesten Sinne als Zivilisierung der Kulturen verstehen, im speziellen richtet sich Zivilisierung auf die Begründung einer zwischen- und überkulturellen Einheit der Menschen als Menschheit. Sie bezeichnet eine nächste Stufe der Evolution der Kulturen als der Natur des sozialen Menschen. Auch in ihr ist nicht die Verabschiedung der generativen Prinzipien zu erwarten, aber doch ein weniger riskanter Umgang mit den Resultaten ihres Wirkens. Einleitung Kultureller Narzismus, "the selfilsh culture" Kulturen erkennt man an Merkmalen wie: "Nutzung des Feuers", "Tragen von Kleidung", "Gebrauch von Werkzeugen", "Haltung von domestizierten Tieren" oder "Verwendung von Zahlen". Merkmale dieser Art sind sehr allgemein. Weil sie überall vorkommen, könnte man versuchen, mit ihrer Hilfe zu definieren, was Kultur überhaupt ist. Andere Merkmale findet man nur an bestimmten Orten. Sie eignen sich zur Unterscheidung der einen Kultur von der anderen. So erzeugt der Volksmund Unterscheidungsmerkmale, indem er von Spaghetti-Essern, Froschschenkel-Essern und Sauerkraut-Essern spricht. Kochrezepte sind leicht erkennbare kulturelle Merkmale. Einige Kochrezepte haben eine biologische und genetische Dimension. Das Verwenden von Milch in den Kochtechniken ist beispielsweise nur unter der Bedingung möglich, daß die Angehörigen einer kulturellen Population Lactose verdauen können, was nicht für alle Menschen zutrifft. (Cavalli-Sforza, Feldmann, 1981, 1989) Kulturelle Merkmale, das gilt nicht nur für Kochrezepte, kann man als Regeln ausdrücken. Das läßt den an algorithmischen Strukturen interessierten Beobachter aufhorchen. Das kulturelle Merkmal "Nutzung des Feuers" kann man auch durch entsprechende Gebrauchsanleitungen beschreiben, das Tragen von Kleidung durch Produktionsanweisungen, Kleiderordnungen und Moden. Die Verwendung von Zahlen läßt sich durch die Darstellung der mathematischen lnjunktionen beschreiben. Zu den kulturellen Unterscheidungsmerkmalen gehören die Religionen, die sich natürlich auch durch Regelwerke darstellen lassen. Auf dem Balkan leben Katholiken, Griechisch-Orthodoxe und Muslime, in Nordirland Protestanten und Katholiken. Religionen bieten den Angehörigen einer Kultur noch etwas anderes als Unterscheidungsfähigkeit und Ausgrenzung. Sie ermöglichen es den Menschen, an eine eigene auserwählte Stellung innerhalb des Universums zu glauben. Auf diese Weise entsteht eine metaphysisch begründete Selbstgewißheit. Die Menschen gewinnen die Überzeugung, eine Sonderstellung in der Natur einzunehmen und über direkten Zugang zu den Göttern zu verfügen. In vielen Exotischen Kulturen wird die Annäherung an die Dämonen, Geister und Götter durch Trance-erzeugende Rituale bewirkt, wobei Drogen einen verstärkenden Effekt ausüben können. Die Kopfjäger auf der Philippinen-Insel Luzon überfallen nach einem selbst erlittenem Kummer den Angehörigen eines anderen Stammes, 'nehmen'; seinen Kopf und schleudern ihn mit einer heftigen Bewegung, die vom Affekt der Wut ertüllt ist, weit von sich. Sie wähnen sich danach in Harmonie mit den Göttern.(Rosaldo, 1984) Die Götter der Hochkulturen sind Kriegergötter. Ihr Menschenvolk ist von ihnen auserwählt, und die Götter führen die Heere der Auserwählten zum Sieg. Es sind nicht die Soldaten und Feldherren, die siegen. Es sind die Götter. In den Epen Homers greifen die Götter in die Schlacht ein. Die Götter der Assyrer und Babylonier waren blutrünstige Kriegslords. Imperium bedeutete bei den Römern zwar auch Oberbefehl über das Heer, doch die erste und eigentliche Bedeutung lautete: charismatische Macht, die von den Göttern verliehen wird und dazu befähigt, das Heer zum Sieg zu führen. (Mommsen, 188,) Die Angehörigen der Westlichen Kultur glaubten lange Zeit, die von ihnen bewohnte Erde müsse der Mittelpunkt des Universums sein. Sie glaubten dies, weil Gott es ihrer Meinung nach nicht zulassen würde, daß die nach seinem Ebenbild Geschaffenen irgendwo am Rande des Universums leben müssen. Kopernikus hat seine Zeitgenossen eines Besseren belehrt. Die Anthropologen sprechen heute von der Kopernikanischen Kränkung. Siegmund Freud hat diesen Begriff eingeführt. In seinen Schriften "Die Zukunft einer lllusion" (192,) und "Zur Gewinnung des Feuers" (1932) spricht er von den narzistischen Kränkungen, die dem lndividuum von Kultur und Natur zugefügt werden. Das Tndividuum versucht beispielsweise, so Freud, die Kränkung, die ihm durch die Unerbittlichkeit der Natur widerfährt, durch eine mythologische Kulturisierung der Natur auszugleichen, um in seinem narzistischen Zustand zu verharren. Wenn man Freuds Begriff, wie die Anthropologen es tun, auf die Kopernikanische Wende bezieht, so ist damit der Schmerz gemeint, den man empfindet, wenn man erkennen muß, daß man auf einem Provinzplaneten wohnt, in einem unbedeutenden Sonnensystem, irgendwo in einer nicht sehr großen Galaxis, die Teil eines Galaxis-Haufens ist, der wiederum nur einer in einer immens großen Zahl von Galaxis-Haufen ist. Die Kopernikanische Kränkung blieb nicht die einzige. Es kamen weitere hinzu. Noch oft mußten die Menschen die ummittelbare Gewißheit aufgeben, eine Sonderstellung einzunehmen. Jedes Mal sahen sie sich dann gezwungen, ihre eigene Rolle, eingebettet in die Entwicklung der Natur, neu zu definieren. Zehn oder zwölf Kränkungen haben die Anthropologen bis jetzt zusammengezählt. Auf die Kopernikanische folgte die Darwinsche Kränkung. Es ging um die Sonderstellung unter den Lebewesen. Darwin lehrte, daß unser Ursprung auf die Evolution der Primaten zurückgeht, und daß die Evolution durch Mutation und Selektion vorangetrieben wird. Durch die geologische Kränkung erfuhren wir, daß die Erde sehr viel älter ist als in den Schöpfungsberichten der Religionen angenommen wird, und daß ihr Alter unser historisches Vorstellungsvermögen übersteigt. Stephen Jay Gould spricht von der Erfahrung der "Tiefenzeit" (198,). Die Freudsche Kränkung, die durch die Psychoanalyse hervorgerufen wurde, führte ein neues Bild von der menschlichen Seele ein. Die Kränkung durch die Physik brachte die Kernspaltung und damit die Horrorvorstellung von der Zerstörung des Lebens aller Menschen durch eine Waffe. Die von Einstein vorgenommene theoretische Gleichsetzung von Materie und Energie ist durch die Bombe Bestandteil der materiellen Kultur geworden. Einsteins spezielle und allgemeine Relativitätstheorie galt bis jetzt als Musterbeispiel naturwissenschaftlicher Theorie. Ihre Gültigkeit wird von den Physikern nicht angezweifelt. Doch auch für die Relativitätstheorie kann die Stunde der Kränkung schlagen, denn die Experimente, die angeblich die spezielle Relativitätstheorie bewiesen haben, die Messungen der Lichtgeschwindigkeit durch Michelson und Morley im Jahre 1887, sind nicht korrekt durchgeführt worden. Von sechs Bedingungen wurden nur drei erfüllt. In den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts zweifelte Miller, ein ehemaliger Mitarbeiter Michelsons, die gleichförmige Ausbreitung des Lichts in alle Richtungen an. Er hatte in seinen eigenen Experimenten alle sechs Bedingungen erfüllt. (Collins u. Pinch, 1993) Die Quantenmechanik entzog die Realität im Bereich des ganz Kleinen unserem Vorstellungsvermögen. Auch dies ist eine Kränkung. Raum und Zeit zerrinnen gewissermaßen. Die Astrophysik behauptete, das Universum dehne sich aus. Wenn wir uns dieser Annahme anschließen und uns dann fragen: Wo und in welcher Richtung findet die Ausdehnung statt, müssen wir mit einer gewissen Enttäuschung feststellen, daß diese Fragen keinen Sinn mehr haben. Eine weitere Kränkung geht auf die Ökologie zurück. Sie brachte für den produzierenden Menschen des industriellen Zeitalters die enttäuschende Erkenntnis, daß die Erde nicht unbegrenzt für die Beschaffung von Rohstoffen und die Beseitigung von Abfällen zur Verfügung steht. Die Kränkung der künstlichen Intelligenz läßt vermuten, daß Maschinen denken können, ja daß sie, wenn sie es einmal gelernt haben, sich frei auf der Erdoberfläche zu bewegen, auch Gefühle haben werden. Besonders schmerzliche Kränkungen gehen von der Genetik aus. Da gibt es zunächst eine große Enttäuschung für alle politisch engagierten Menschen, die sich um soziale Gerechtigkeit bemühen. Für sie ist die Gleichheit der Menschen eine philosophische %Uuml;berzeugung, die für ihr politisches Handeln axiomatische Bedeutung hat. Ihnen widersprechen die Genetiker, die behaupten, die Menschen seien aufgrund der biologischen Vererbung ungleich. Außerdem wird den Angehörigen der Religionen, die an einem Schöpfungsmythos festhalten wollen, zugemutet, sich mit der Tatsache abzufinden, daß durch Gentechnologie Lebewesen genotypisch verändert werden können. Es gibt noch eine weitere schmerzliche Erfahrung, die man Kränkung durch "philosophische Genetik" nennen könnte. Dabei handelt es sich um eine Gemütsregung, die ausgelöst wird, wenn wir als rationale, phänotypische Individuen, die bei ihrer Erkenntnisarbeit Symbole benutzen, lernen, wie genetische Systeme lernen. Interdisziplinäre Forschungen von Informatikern und Biologen haben ein Erkenntnisinstrument entwickelt, das "Genetischer Algorithmus" genannt wird. Es funktioniert folgendermaßen: statt eines wohldurchdachten Computerprogramms werden rein zufällig gebildete, binäre Zahlenketten hergestellt. Sie haben die gleiche Länge wie ein bewährtes Programm, das für eine genau definierte Aufgabe geschrieben worden ist. Die Aufgabe könnte etwa das Sortieren von Zahlen sein. Die Zufallsketten werden nun mit der Programmaufgabe "Sortieren von 16 Zahlen" beauftragt. Die Ketten, die dem Erfüllen der Aufgabe am nächsten kommen, etwa durch sporadisch verteilte Zufallstreffer, werden aussortiert. Es können beispielsweise die erfolgreichsten zehn Prozent der Gesamtmenge von Ketten sein. Diese Ketten dürfen sich fortpflanzen, die erfolglosen müssen "sterben". Die Fortpflanzung der ausgewählten Pseudogramme wird auf sexuellem Wege durchgeführt. Das wird, vereinfacht gesprochen, dadurch bewirkt, daß die Ketten nicht einfach verdoppelt, sondern je zur Hälfte mit einer jeweiligen Hälfte anderer erfolgreicher Ketten kombiniert werden. Dabei wird eine Kombinationsform angewandt, die in der Genetik "crossing over" genannt wird. Da nur zehn Prozent der Ketten für die Fortpflanzung zugelassen wurden, werden alle erfolgreichen Ketten zehnmal rekombiniert, um die ehemalige Populationsstärke wiederherzustellen. Dann wird ihnen dieselbe Aufgabe übertragen, die bereits der ersten Generation anbefohlen wurde: das Sortieren von 16 Zahlen. Danach werden abermals die erfolgreichsten zehn Prozent nach dem dargestellten Verfahren gepaart und vermehrt. Das Sensationelle an diesem Vorgehen ist nun, daß die Pseudogramme von Generation zu Generation besser werden und schließlich die Funktion des von einem erstklassigen Programmierer geschriebenen Programms übernehmen können. lm Jahr 1962 haben zwei Informatiker in einer Publikation einen Algorithmus vorgestellt, den sie als den bestmöglichen bezeichneten. Er sortierte die 16 Zahlen in 65 Schritten. 1965 veröffentlichte ein anderer Programmierer einen Sortieralgorithmus, der es in 63 Schritten schaffte. 1969 entstand ein Programm, das nur 62 Schritte benötigte. Schließlich gab es ein Programm mit nur 60 Schritten (Knuth, 19,3). Das durch einen Genetischen Algorithmus erzeugte Sortierprogramm benötigte für die Arbeit 65 Schritte. Das war immerhin ein gutes Ergebnis. (Levy, 1993) Während wir diesen Erfolg zur Kenntnis nehmen, wird uns plötzlich folgendes bewußt: Genetische Selbstorganisation kann ein System hervorbringen, welches einem System gleichwertig ist, das von einem rationalen Individuum geschaffen wurde. Und noch eine Erkenntnis trifft uns mit einem Schlag: Das denkende, phänotypische Individuum, in unserem Beispiel der Programmierer, löst eine Aufgabe durch die Manipulation von Symbolen. Symbole haben außerzeitliche Gültigkeit. Ihre Bedeutung bezieht sich immer nur auf einen Teilaspekt der im zeitlichen Fluß sich verändernden natürlichen Objekte. Die Bedeutung aber ist, sobald sie einmal da ist, keiner zeitlichen Veränderung mehr unterworfen. Es entsteht eine platonische Realität der Wesenheiten? oder, in religiöser Sprache ausgedrückt, es entsteht eine Lehre von der Ewigkeit. Das genetische Lernsystem dagegen nähert sich seinem Ziel mit Hilfe des Todes, denn die Taktschritte, in denen sich genetisch evolvierende Systeme vorwärtsbewegen, sind die Schritte von einer Generation zur nächsten. Das genetische Lernsystem lernt mit Hilfe des Todes. Das individuelle, phänotypische, rationale Lernsystem lernt mit Hilfe von Symbolen. Symbole abstrahieren von der zeitlichen Veränderung der Gegenstände, auf die sie sich beziehen. Ihre Bedeutung schafft eine Realität der Überzeitlichkeit. Mit dem Instrumentarium der Symbole bezeichnen die Menschen auch sich selbst. Sie gewinnen auf diese Weise eine Vorstellung von sich selbst, die nicht der zeitlichen Veränderung unterworfen ist. Der symbolische Traum von der Ewigkeit blickt mit Melancholie auf die Vergänglichkeit. Die Menschen fürchten den Tod, denn der Gebrauch von Symbolen befähigt zur Voraussicht. Die Furcht vor dem Tod führt zurn Streben nach Überwindung des Todes durch Ewigkeitsmythen. Ewigkeitsmythen sind Symbolsysteme, die auf das ganze Universum ausgedehnt werden. Sie fungieren ebenfalls als Begründung für die metaphysische Selbstüberhöhung und den Glauben an eine auserwählte Stellung im Universum, jenes Merkmal, das in allen Kulturen anzutreffen ist und zu den Konflikten der Kränkungen führt. Doch bringen die Kränkungen einen humanistischen Fortschritt für die Kulturen? Die metaphysisch begründete Selbstüberhöhung der Angehörigen einer Einzelkultur ermöglicht aggressive Aktionen gegenüber anderen Kulturen. Auserwählte führen Kreuzzüge im Namen von Religionen, die für die einzig wahren gehalten werden. Kulturen, die militärisch überlegen sind und sich in jeder Hinsicht für überlegen halten, kolonisieren andere Kulturen. Alle Kulturen exploitieren auf rücksichtslose Weise die Natur. Das gilt für einen bestimmten Bewußtseinsstand, der erst in unseren Tagen langsam von einem neuen Bewußtsein abgelöst wird.
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