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Entwurf einer kulturgenetischen TheorieTeil2 |
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Kreuzzüge, heilige Kriege, nationalistische Aggression, Kolonialismus, Zerstörung der Natur sind kulturelle Verhaltensformen, die vom rationalen, philosophisch-ethischem Individuum heute abgelehnt werden. Gleichzeitig erkennt das rationale Individuum widerwillig, daß es mit seiner ethisch begründeten, freien Willensentscheidung den kollektiven Agenten, der Krieg und Unterdrückung bewirkt, nicht beeinflussen kann. Kulturelle Populationen, die Kriege führen, scheinen durch Kopplung geschaffene Makrostrukturen zu sein, die ein Eigenleben entwickeln. Etwas wie ein kulturelles Hypersubjekt scheint eine aggressive und übermächtige Dynamik zu entwickeln. Auf der anderen Seite gibt es den Glauben, individuelle Rationalität könne durch Kommunikation von Argumenten die kollektiven Aktionen beeinflussen. Wir müssen uns fragen, ob nicht dieser Glaube eine Selbstüberschätzung und damit eine unter den kulturellen Selbstüberhöhungen ist, die durch einen versteckten Mechanismus die aggressive Kraft des Hypersubjekts "Kultur" nur verstärken. Philosophie ist die geistige Disziplin, in der überzeitliche Symbole wie das Wahre, das Gute, das Schöne zu Problemlösungen angeboten werden. Diese Symbole sind Erzeugnisse individueller Rationalität. Dabei spricht Philosophie jedoch nie über Krieg. Wenn wir einmal eine "starke" von einer "schwachen" Philosophie unterscheiden und unter "starker" Philosophie nur das verstehen, was übrigbleibt, wenn alle Gedanken der Sophisten und Rhetoriker abgezogen werden, die Sokrates in den Platonschen Dialogen ablehnt, dann stellt sich als "schwache" Philosophie alles dar, was von Philosophen auch gelegentlich geäußert wurde, z.B. die Rhetorik-Theorie des Aristoteles und die "Wahrscheinlichkeitslehre" des Aristoteles. "Schwache" Philosophie wäre außerdem, was von Gelehrten geäußert wurde, die man "Philosophen" nennt, obwohl sie nicht oder nur selten mit der engeren Methode der Deduktion von Vemunftbegriffen gearbeitet haben. Zu ihnen gehören die Enzyklopädisten. Wie also präsentiert sich die "starke" Philosophie auf der Schwelle zur Moderne und vor Nietzsche? Wie äußert sie sich über den Krieg? In Preußen hatte sich während des 18. und 19. Jahrhunderts eine Armee mit einem Offiziersstab entwickelt, der von allen Militärakademien der Welt bis heute als Vorbild angesehen wird. Hier waren zwei Philosophen tätig, die beide mit ihren Ästhetikschriften einen prägenden Einfluß auf die Kultur der Moderne ausübten: Kant und Hegel. Sie waren Zeitgenossen des großen Militärtheoretikers Carl Philipp Gottfried von Clausewitz. Aus dem Königtum Preußen ging gegen Ende des 19. Jahrhunderts das "Deutsche Reich" hervor, ein Imperium mit imperialer Kulturpolitik und mit dem preußischen Militärsystem an der Spitze. Kant behandelt in seiner Schrift "Zum ewigen Frieden" und in seiner "Metaphysik der Sitten" das Thema Krieg unter dem Stichwort "Völkerrecht". Er wünscht einen utopischen internationalen Rechtszustand herbei, der das Zusammenleben der Staaten regelt und Krieg verhindert. Von dem schicksalhaften Einfluß und von der konkreten Dynamik historischer Kriege wird nicht gesprochen. Auch nicht von der Gewalt, die eingesetzt werden muß, um ein Recht zwischen Staaten durchzusetzen. ln Hegels Geschichtsphilosophie erscheint die Ideologie vom gerechten Krieg, der für den "Geist" oder für "das Gute" geführt wird. Gemeint sind die Kriege der eigenen Kultur gegen fremde Kulturen. Nach Hegel kämpften die Griechen für den "Geist" gegen die Perser ("Phänomenologie des Geistes"). Die Kreuzritter kämpften für "das Gute" gegen die Muslime. Diese Philosophie spricht nie über die Realität des Krieges, über die auch für Kreuzritter unvermeidbare Brutalität und über den strategischen und taktischen Grund für die militärischen Erfolge dcr Griechen: dic Erfindung der Phalanx, einer Maschine zur Erzeugung von Hekatomben. Diese strategische Neuerung bewirkte das Überleben der griechischen Identität, und sie ermöglichte die Entwicklung der für den Westen prototypischen Kultur der Griechen während des Jahrhunderts nach den Perserkriegen. Diese Philosophie spricht nicht über die aggressive, unterdrückende, kolonialisierende Außenseite ihrer eigenen Kultur. Man könnte deshalb auf den Gedanken kommen, die Sprachlosigkeit gegenüber dem Krieg als neue Definition der Philosophie zu benutzen. Danach wäre Philosophie ein genau definierter Kommunikationsbereich innerhalb von Kriegskulturen, dessen Symbolsystem so manipuliert worden ist, daß es sich nicht auf Krieg beziehen kann. Man könnte sich außerdem die Frage stellen, ob es denkbar ist, daß Krieg und Blindheit für Krieg im Innern des Krieg führenden Systems einander verstärken. Um noch weiterzugehen, könnte man epidemiologische Landkarten der Staaten Europas anfertigen und auf ihnen eintragen, wie stark in den verschiedenen Staaten die Kultur von der autonomen Philosophie geprägt ist, und wie sehr sich die Nationen auf dem Gebiet des Kriegs, der Kriegsverbrechen und des Völkermords hervorgetan haben. Mit der Abschirmung der Philosophie vom zeitlichen Fluß der materiellen Realität ist die Bedeutung verwandt, die das Wort Kultur in der Moderne angenommen hat. Man bezeichnet damit nämlich nur noch einen ebenfalls abgeschirmten Teilbereich der eigenen Kultur, dessen wichtigste Eigenschaft eine Autonomie ist, die mit ihren wesentlichen Zügen von der Philosophie, der Ästhetik und den Geisteswissenschaften geprägt wird. In diesem autonomen Bereich wird seit der Epoche des idealistischen Humanismus im ausgehenden 18. Jahrhundert ein schwärmerisches Menschenbild gepflegt, das von den ethischen Idealen der Philosophie und von den ästhetischen Idealen der autonomen Kwnst geprägt ist. Auch in den letzten Phasen der Moderne, der Postmoderne und verschiedener neuer Kunstrichtungen wird an der Vorstellung festgehalten, der Künstler sei autonom und verfüge durch sein Kreationsvermögen über eine nicht vermittlungsbedürftige Einsicht in Zusammenhänge, die für die Kultur relevant seien. Auch diese Haltung ist durch metaphysische Selbstgewißheit und innerkulturelle Selbstüberhöhung gekennzeichnet. Mit diesen Eigenschaften ist sie ein möglicher Adressat für weitere Kränkungen. Stellen wir die These auf: Kultur ist ein Lebewesen. Sie ist sozusagen ein Tier, ein wildes Tier, dessen Verhalten sich dem unmittelbaren Einfluß der Menschen entzieht. Wenn für dieses wilde Tier dennoch ein heilsamer Einfluß durch rationale Menschen denkbar und zu wünschen wäre, entspräche diese Einflußnahme dem Akt der Domestikation. Wir müßten die Kultur zähmen. Da Kultur aber auf gewisse Weise wir selbst sind, müßten wir uns selbst zähmen. Wir müßten von den Menschen Selbstdomestikation verlangen. Kultur und damit uns selbst mit all unseren verinnerlichten und geliebten Kulturgütern Musik, Literatur, Philosophie, das Gute, das Wahre, das Schöne als etwas darzustellen, das erst noch domestiziert werden soll, kommt dem Aussprechen einer Kränkung gleich. Brächte diese Kränkung einen humanistischen Fortschritt? Domestikation war in der Vergangenheit ein wichtiger Schritt auf dem langen Weg der Hominisierung. Die Frauen der Spätsteinzeit, so lautet die diesbezügliche Theorie der Anthropologen und Prähistoriker, haben die Domestikation erfunden. Frauen, die ihr eigenes Kind nach der Geburt verloren hatten, fanden im Wald verlassene Wolfswelpen. Sie waren angerührt von der Hilflosigkeit und Schönheit der Tierbabies. Ihnen ging es nicht anders als den Menschen, die heute leben. Sie sind immer wieder entzückt beim Anblick junger Hunde und junger Katzen. Die Frauen hoben also die kleinen Wölfe auf und streichelten sie. Die Wölfe leckten ihnen die Hände. Weil die Frauen nach der erst wenige Tage zurückliegenden Geburt des eigenen, gestorbenen Kindes noch ausreichend Milch in ihren Brüsten hatten, säugten sie die verlassenen Wolfswelpen in einer Anwandlung von extraspezifischer Mildtätigkeit. So muß es geschehen sein: Die Menschenfrauen mußten die Wolfswelpen selbst säugen, um sie aufzuziehen, denn der durch Domestikation des Wolfs entstehende Hund war das erste Haustier. Es gab noch keine Milchspender wie Ziegen oder Rinder. Und es gab keine Töpferscheibe, um Gefaße für die Aufbewahrung und das zum-Munde-Führen von Flüssigkeiten herzustellen. Es müssen also wegen ihrer besonderen physiologischen Eignung für die Brutpflege Frauen gewesen sein, die die Domestikation erfanden. Sie entdeckten, daß man durch Prägung und Zucht Tiere verändem kann. Sie entdeckten, daß Wölfe wie alle Caniden in hohem Maße prägbar sind. Wenn einem Canidenwelpen während der kritischen Prägezeit -- das gilt auch für die heute lebenden Wölfe -- ein Mensch begegnet, schließt er sich ihm an. Das taten auch die vor dem Verhungern geretteten, im Wald gefundenen Wolfssvelpen der Spätsteinzeit. Sie wurden anhänglich wie treue Hunde. Der zweite, wichtigere Bestandteil der Domestikation ist die Zucht. Damit befinden wir uns mitten im Gebiet der Genetik: Durch den von Menschen ausgeübten Selektionseffekt werden die Gene der sich vermehrenden Tiere von Generation zu Generation anders rekombiniert als es in der freien Natur geschehen würde. Dadurch wird eine andere Evolutionsrichtung eingeschlagen. Die Tiere, die am besten mit Menschen zusammenleben können, haben von jetzt ab die besten Chancen, ihre Gene in die nächste Generation einzubringen. Die Erfindung der Domestikation war für die Evolution der Kultur wichtiger als die Erfindung der Dampfmaschine. Die Frauen der Spätsteinzeit waren die ersten Ingenieure. Man sagt, aus Dankbarkeit für den von den Menschen verübten Akt extraspezifischer Sozialfürsorge haben die Wölfe später die Capitolinische Wölfin geschickt. Sie sollte Romulus und Remus, die auch in der Wildnis verlassen und vom Hungertod bedroht waren, aufziehen, um so in einer entscheidenden Phase der Kulturevolution die Gründung Roms zu gewährleisten. Denn allen Beteiligten war bewußt, daß Rom die Wiege der Zivilisation werden sollte. Der Hominisierungsprozeß vollzog sich nur bis zu einem gewissen Stadium im genetischen Bereich. Dann fand der hominisierende Evolutionsprozeß ausschließlich auf dem Gebiet der Kultur statt. Die ersten wichtigen Schritte der Hominisierung waren folgende: die Befreiung der Hände von der Funktion der Fortbewegung, -- dies eine genetische Errungenschaft. Dann das kulturelle Resultat der Befreiung der Hände: Rechtshändigkeit und Gebrauch von Werkzeugen. Des weiteren: Entstehung der Sprache als doppelt artikuliertes System, ermöglicht durch eine gewisse genetisch bedingte Umbildung des Kehlkopfs. Hinzu kommen: Gebrauch des Feuers, Aussaat und Emte, Domestikation. Die beiden letzteren Techniken könnte man auch "Pflanzen- und Tierdomestikation" nennen. Beide nehmen Einfluß auf die genetischen Systeme anderer Lebewesen. Ihr Erfolg basiert auf der Empfänglichkeit von genetischen Systemen für Einflußnahme von außen. Das heißt: Es ist die Lernfähigt,keit aller genetischen Systeme, die der Domestikation entgegenkommt. Die fortschreitenden Phasen der Hominisierung stellten stets Fortschritte für die adaptativen Fähigkeiten der Menschen dar: Sie erleichterten Überleben und Vermehrung. Sie bewirkten die Ausbreitung auf der ganzen Erde. Die so erfolgreiche Ausbreitung der Menschen über den ganzen Erdball führte schließlich zur Überbevölkerung und zu Verwerfungen im Hominisierungsprozeß. Während auf der nördlichen Halbkugel Fortschritte zu einer relativen Stabilität führen, ist in weiten Gebieten der südlichen Halbkugel die Vermehrungsquote größer als die dafür erforderlichen Ressourcen von Nahrung und Wasser. Es entstehen Populationen, die in einem Niemandsland zwischen Animalität und Hominität leben. In diesen Bereichen ist die Hominisierung nicht gewährleistet. Appelle an eine Humanisierung und eine humanistische Solidarität aller Menschen, wie sie in den Westlichen Kulturen zu vemehmen sind, verschleiem das Problem nach dem bekannten Muster der kulturellen Selbstüberschätzung: Der philosophische Glaube an die Werte der Humanität erlaubt es, das Problem der Hominität einfach zu übersehen. Die Überwindung der humanistischen Selbstüberschätzung in unserer eigenen Kultur wäre demnach die Voraussetzung für die Erkenntnis der Hominisierungsschwierigkeiten in großen Teilen der Welt. Diese Überwindung entspräche einem Fortschritt im Hominisierungsprozess der eigenen Kultur. Wir deuteten an, daß die Hominisierung der eigenen Kultur nach Selbstzähmung und nach einer neuen Domestikationstechnik verlangt. Domestikationstechnik bedeutet: Veränderung von genetischen Systemen. Die Erkenntnisfähigkeit für die gefährdete Hominität in der Dritten Welt wird also an einen überfälligen nächsten Hominisierungsschritt der eigenen Kultur gekoppelt, und dieser Hominisierungsschritt entspräche einer Selbstdomestikation, das hieße: einer Einflußnahme auf genetische Systeme. Diese Überlegungen, in denen ein weiterer Schritt der eigenen Hominisierung mit der Erkenntnisfähigkeit für die Hominitätsprobleme anderswo auf der Welt verknüpft wird, spielen auf bestimmte Weise die Begriffe Hominität und Humanität gegeneinander aus. Humanität wird sogar mit der religiösen Selbstüberschätzung und Selbstüberhöhung der Kulturen auf eine Stufe gestellt. In der Tat liegt dem neueren Humanismusbegriff im Gegensatz zum skeptischen Humanismus der italienischen Renaissance ein schwämlerisches, philosophisches Menschenbild zugrunde, das metaphysisch abgeleitete Aussagen über ein allgemeines Menschenwesen macht. Dieses Wesen der Gattung Mensch besitzen, so die Philosophen, alle Menschen. Sie haben Anteil am menschlichen Gattungswesen, ebenso wie die Feinde der Kreuzritter immer schon Anteil am Christentum hatten, denn es konnte ja nur eine Wahrheit geben. Alle Feinde der Kreuzritter waren eigentlich schon seit jeher Christen gewesen und mußten nur noch befreit werden. Mit der Überzeugung, daß die Menschen der Dritten Welt Anteil an den humanistischen Werten durch ihr bloßes Menschsein haben, übersehen wir, daß viele von ihnen im Sinne der Hominität überhaupt keine Menschen mehr sind, nachdem ihre Kulturen durch den Kolonisierungseffekt unserer Kultur zerstört worden sind. Der philosophische Humanismus hindert uns auch daran, uns für das Kriegswesen unserer eigenen Kultur zu interessieren. Wenn also Kultur domestiziert werden soll, und wenn Domestikation immer Beeinflussung von genetischen Systemen ist, was hat Kultur mit Genetik zu tun? Es gibt drei Varianten von genetischen Systemen, die Kultur generieren und kontrollieren. Kultur ist gewissermaßen ein Objekt, das von einem dreidimensionalen genetischen Phasenraum beschrieben wird. Die erste Spielart der kulturrelevanten Genetik ist die bekannte Genetik der DNA. Wir könnten sie "die Fleischgenetik" nennen. Es ist das, was uns angeborene Schönheit oder Häßlichkeit, angeborene rote Haare oder schwarzes Kraushaar beschert. Genetisch bedingte, kulturrelevante Eigenschaften sind beispielsweise: sprechfähiger Kehlkopf, freie rechte Hand, Aggressionsverhalten, Stressverhalten. Die zweite Art von genetischen Systemen, die Kultur generieren, könnte man "formale Genetik" nennen. Eine der wichtigsten Definitionen des biologischen Phänomens Kultur lautet: "Kultur ist der einzige Bereich, in dem ontogenetisch erworbene Merkmale vererbt werden können." Während es in der eigentlichen Genetik um die Vererbung von phylogenetisch erworbenen Merkmalen, also von genetisch Gelemtem geht, werden in der Kultur ontogenetisch gelernte Merkmale vererbt. Ontogenetisches Lernen ist das Lernen, das wir alle von der Schule und von der Universität kennen. Wenn zum Beispiel eine Schimpansenfrau bemerkt, daß in salzigem Meerwasser gewaschene Kartoffeln besonders schmackhaft sind, so handelt es sich um einen Fall individuellen Lernens. Wenn sie die Technik des Kartoffeln-in-Salzwasser-Waschens ihren Kindern beibringt, handelt es sich um ein kulturelles Phänomen. Denn kulturell wird ein individuell und ontogenetisch erlerntes Merkmal erst, wenn es in die nächste Generation vererbt worden ist. Vererbungsfähigkeit ist also die Bedingung für die Kulturrelevanz eines Merkmals. Kultur befindet sich somit in einer formalen Analogie zur DNA-Genetik. Daraus ergibt sich eine Konsequenz für die Erkenntnismittel, mit deren Hilfe man Kulturevolution beschreibt. Es sind dieselben Typen von iterativen Gleichungen xn+1 =f(xn), die man auch in der Populationsgenetik verwendet. Dabei drückt x die Zahl des Vorhandenseins eines genetischen oder kulturellen Merkmals in einer Population aus. xn+ ist dann diese Zahl nach dem Zeittakt der Vererbung in die nächste Generation. Die dritte Form von genetischen Systemen, die in der Kultur anzutreffen sind, ist artifiziell und damit bereits domestiziert: Es handelt sich um den Genetischen Algorithmus, der seit einiger Zeit für die Menschen Optimierungsprobleme löst wie ein gutes Haustier. Der Genetische Algorithrnus erzeugt und optimiert Regeln. Beschreibbarkeit von Kultur heißt Beschreibbarkeit der kulturellen Merkmale, und kulturelle Merkmale sind Regelsysteme. Die Abbildbarkeit von kulturellen Regelsystemen durch Genetische Algorithmen bildet diesen dritten Bereich von kultureller Genetik. Als kulturelle Genetik ist dieser Bereich mögliches Objekt von kultureller Domestikation: Natürliche Regelsysteme erscheinen durch ihre algorithmische Abbildbarkeit in einem Darstellungsraum und rücken damit in die Nähe des manipulatorischen Zugriffs. Das methodische Ziel der nachfolgenden Untersuchung ist die Darstellung der Kultur allein durch den Rückgriff auf genetische Formungskräfte. Dabei sollen philosophische und geisteswissenschaftliche "letzte Gewißheiten" gänzlich außer Acht gelassen werden. Beispiel einer geisteswissenschaftlichen letzten Gewißheit ist der Begriff "Sinn". Mark A. Bedau vom Reed College in Portland hat den Begriff "Funktionalismus", der aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz stammt, in die Genetischer Algorithmus und artificial life-Diskussion übertragen (1992). Er drückt den Gedanken aus, daß Leben weniger vom materiellen Substrat, etwa der Kohlenstoffchemie, abhängt als von der Form und vom Charakter der typischen Prozesse, in denen es sich verwirklicht. Die eigentlichen Merkmale des Lebens seien "information processing", "metabolization", "purposeful activity" auf der individuellen Ebene und "selfreproduction" sowie "adaptive evolution" auf der Ebene der Generationenfolge. Wenn wir also Kultur mit der Metapher des "wilden Tieres" und der Domestikation beschreiben, schließen wir uns dieser funktionalistischen Sehweise an. Wir beschreiben Kultur als Lebewesen, obwohl es sich nicht um einen biologischen Organismus der Kohlenstoffchemie handelt. Wir behandeln die Übertragung von kulturellen Merkmalen wie ein System der molekularbiologischen Genetik, und wir stellen Experimente des artificial life, z.B. Genetische Algorithmen, auf die gleiche Stufe wie Selbsterzeugung und Selbstreproduktion bei den Organismen und behandeln schließlich beide genauso wie Erzeugung und Übertragung in kulturellen Systeme. Kultur-- Zivilisation "Kulturelles Merkmal", "Unterscheidungsmerkmal'', "Kulturelle Selbstüberhöhung", "Kulturelle Kränkung", "Hominität-Humanität", "Biologischer Funktionalismus = Kultur: ein Lebewesen", in diesen Begriffen erscheint eine Definitionsschwierigkeit, die sich für jede wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Kultur ergibt. Der Kulturanthropologe, vor allem wenn er angelsächsischer Herkunft ist, neigt dazu, mit dem Begriff Kultur alle Merkmale zu benennen, die nicht Resultate biologischer Selbsterzeugung sind. Das ist alles von der Nutzung des Feuers bis zur Deklaration der Menschenrechte durch die UNO im Jahr 1948 in Paris und bis zu den Gemäldesammlungen des Louvre und des Museum of Modern Art. Meistens jedoch beschäftigt sich der Kulturanthropologe mit nicht-Westlichen Kulturen, die einfacher sind als die eigene Kultur, und meistens bleibt er auf diese Weise ein außenstehender Beobachter, dessen Haltung deskriptiv ist, und dessen Erkenntnisinteresse jeden manipulatorischen Zugriff auf die beschriebene Kultur verbietet. Völlig anders ist die Interessenlage des Beobachters, der aus dem Innenraum der eigenen Kultur diese selbe Kultur beschreibt während einer kritischen Phase, die einer rätselhaften Gegenwart angehört, und die sich darauf vorbereitet, eine noch rätselhaftere nächste Phase hervorzubringen. Dieser Beobachter ist vor allem an Traditionen interessiert, die sich um die Manipulation kultureller Zustände bemühen mit dem Ziel, zukünftige Entwicklungen auf heilsame Weise zu beeinflussen. Hier bietet sich die Unterscheidung "Kultur -- Zivilisation" an, die seit jeher benutzt wurde, um Einfluß auszuüben. Während des 19. Jahrhunderts haben die Deutschen, die in vielen einzelnen Staaten von der Größe Hollands und Belgiens lebten, eine gemeinsame Nationalität aufgrund des vermeintlichen Vorhandenseins einer gemeinsamen Kultur proklamiert. Diese mit trotziger Entschlossenheit geforderte "Deutsche Kultur" wurde diskriminierend unterschieden von der "bloßen Zivilisation" Frankreichs. Vorkämpfer der deutschen Nationalität gewannen aus ihrer kulturellen Überzeugung von der Existenz eines "Deutschen Wesens" etwas von jener kulturellen Selbstüberhöhung und jenem kulturellen Narzismus, die in dieser Einleitung mehrfach erwähnt wurden, und die schon in vielen Fällen zu Heldentaten befähigt haben. Zur Deklaration einer Deutschen Kultur gesellte sich die preußische Militärpolitk und brachte auf diese Weise das "Deutsche Reich" hervor. Während die Angelsachsen in der Tradition Toynbees mit dem Wort Zivilisation nur eine Variante der Kultur benennen, wird die antagonistische Unterscheidung Kultur Zivilisation auf dem europäischen Kontinent bis heute gut verstanden. Sie bleibt ein Werkzeug, mit dessen Hilfe man aktuelle Entwicklungen beschreiben kann. Dabei ist zu beobachten, daß einmal das Wort Zivilisation eine pejorative Bedeutung annimmt, während das Wort Kultur auf euphemistische Weise eingesetzt wird -- wie bei den Deutschen des 19. Jahrhunderts -- und daß ein anderes Mal Zivilisation als heilsame Kontrolle einer wildwüchsigen Kultur gegenübergestellt wird. So endete ein Artikel in der Tageszeitung "Le Monde" (März 1995), der dem Erscheinen des deutschen Buchs "Selbstbewußte Nation" gewidmet war, mit der Feststellung (sinngemäß zitiert): "Wieder einmal obsiegt in Deutschland die Kultur über die Zivilisation." Der Artikel beschäftigte sich vornehmlich mit Botho Strauß und seinem Essay "Anschwellender Bocksgesang". Botho Strauß und andere deutsche Autoren erhoffen sich von der traditionellen Kultur nationales Selbstbewußtsein und Hilfe für die Menschen in einer entfremdeten Situation. Der Redakteur von "Le Monde" hingegen läßt anklingen, daß eine Erhebung der Kultur über die Zivilisation zu einer der typischen, deutschen Verirrungen führen könnte. Bazon Brock von der Universität Wuppertal hat während der Zeit der 50-Jahrfeiern des Siegs über Deutschland in einem Essay das antagonistische Begriffspaar Kultur -Zivilisation dazu benutzt, eine Zivilisierung der Kultur zu fordern. Der Essay ist in der deutschen Wochenzeitschrift "Der Spiegel" erschienen. (1995) Durch die geforderte Kulturzivilisierung sollen sogenannte "multikulturelle" Systeme daran gehindert werden, einen antiemanzipatorischen Einfluß auszuüben, etwa wenn ethnisch-religiöse Einzelkulturen mit sakralrechtlich begründeten Forderungen den Rechtsstaat gefährden. Ebenfalls sollen nationalistische Gruppen daran gehindert werden, eine kulturell begründete Diskriminierungspolitik durchzusetzen. Der so eingesetzte Begriff Zivilisation stützt sich auf die Fortschritte des politischen Denkens, die während der europäischen und amerikanischen Geschichte den Rechtsstaat und die westlichen Vertassungen auf der Grundlage der Menschenrechte vorbereitet haben. Zu den historischen Schritten, in denen sich diese emanzipatorische Entwicklung vollzog, gehört das Prinzip des Konstitutionalismus, durch das die in Dynastien vererbte Souveränität überflüssig wurde, wobei die vererbte Souveränität eine Spielart genetischer Transmission ist. Der nicht mehr sakralrechtlich und erbrechtlich begründete Souveränitätsbegriff wurde von Jean Bodin in seinem Buch "De majestate" gegen Ende des 16. Jahrhunderts theoretisch ausformuliert. Bodin entstammte der Schule der humanistischen italienischen und französischen Rechtstradition. Seine Lehrer waren die Humanisten und Rhetoriker. Ein zweiter unverzichtbarer Bestandteil der Zivilisation ist das Prinzip der Gewaltenteilung. Es wurde erstmals explizit gefordert von Charles de Montesquieu, während der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in seinem Buch "L'esprit des lois". Montesquieus Lehrer waren Rousseau, Montaigne, Macchiavelli, Salutati, Bruni, Cicero, Aristoteles. Vorgezeichnet ist das Prinzip der Trennung von legislativer, judikativer und exekutiver Gewalt in der status-Lehre der Rhetorik, die schon während der römischen und griechischen Antike existiert hat. Weiter mit Teil 3
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