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GrenzziehungenÄsthetiken in aktuellen Kulturtheorien Dissertation am Fachbereich 5 der Universität/Gesamthochschule Wuppertal von Prof. Dr. Ulrich Reck ( Medienhochschule Köln)
(Februar 1989)
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1. Aufriss und Übersicht Der Systemanspruch an das Schöne ist mit dem Primat einer Hochkultur zerfallen, in deren kohärenten Text sich alles fügt, was bedeutsame Form beanspruchen kann. Diese Synthese ist eine der Transformation; deshalb der Vorrang von Wissenschaften und Künsten, insgesamt von Techniken einer ontologischen Identifikation der alltägliche Erfahrungen, Wahrnehmungen und operative Gliederungen leitenden Ausdrücke der Signifikanz. Die Signifikanz als Text beinhaltet eine Ordnung der Hierarchien. Bedingt vom Prinzip der Elimination von Widersprüchlichkeit artikuliert das humanistische System des organisierten Wissens die Ueberzeugung, 'Welt' sei Produkt einer Konstruktion, deren Wahrheit an der ontologischen Voraussetzung, 'Welt' sei eine Ordnung, die sich in ihrer Erkenntnis bloss verdeutliche, gar nicht problematisiert zu werden braucht. Insofern ist die Grundlage des als Text gefügten Systems der Erkenntnisformen, mentalen Orientierungsakte, phänomenologischen Einstellungen und logisch-experimentellen Revisionen vorläufigen Interpretierens eine grundsätzlich ästhetische. Anders gesagt: ein ästhetischer Fundamentalismus. Die Rückkehr zu ontologischen Fragetellungen in der Poesie der die Kunst als Signifikationssystem befragenden Künste des 20. Jahrhunderts haben diesen Fundamentalismus dem Verdacht der Mystifikation ausgesetzt 1. Aesthetisch ist dieser Fundamentalismus dehalb, weil seine Konstruktion nicht einer Idee entspringt, sondern einer quasi-naturgeschichtlichen Vorstellung, die Existenz des Menschen gründe darin, dass Welt eine Ordnung habe, dass Auge und Denken des Menschen der Textur 'Welt' den Text des Erkennbaren als deren Substanz entnehmen knnen, kurzum: dass sich die Situation einer Wohlgeordnetheit im natürlichen Weltbildapparat des Menschen als Natur und als Kultur verdopple. Diese ontologische Substanzannahme soll als ästhetische bezeichnet werden, weil in ihrer Suggestivität sich der Naturbedarf des Menschen an Angepasstheit der Ordnungsvorstellungen an die Ordnungsqualität von 'Welt' realisiert. Es ist ein ästhetischer Zugriff, der die spezifischen ontologischen Bestimmungen des Erkenntnisproblems der Adäquation des Denkens an die Sachen ermöglicht. Die ästhetischen Fundamente einer naturgeschichtlich substanzialisierten Geordnetheit der Welt für den Menschen werden schnell deutlich, wenn man als Alternative davon ausgehen wrde, dass Welt keine Ordnung und Signifikanz aufweise, dass keine Kohärenz möglich sei, dass kein Text, keine Textur leitend funktionieren, sondern dass Irrtum und Bruch, Abweichung und primordial ungeordnetes Chaos, dass Ungestaltetheit und Nicht-Zusammenhang die ontologischen Bedingtheiten ausmachen. Der so zugrundegelegte Stoff der Welt könnte als ontologische Selbstprovokation der naiven Aesthetik fungieren, wie sie das naturgeschichtliche Fundament gerade nicht der hochkulturelltextlichen, sondern der idiosynkratisch-alltäglichen Glaubensüberzeugung als gemeinsam suggerierte Wahrheit verbindlich durchgesetzt hat. Wahrheit als noch unerkannte Fiktion, Ordnung als ästhetisches Surrogat, Ontologie als sich selber stilisierende Logik einer den Menschen ermöglichenden Signifikanz der Evolution (wobei die alternative Annahme einer gebrochenen Textur von Irrtümern, Bedeutungslosigkeiten und Abweichungen durchaus naturwissenschaflich haltbar ist 2), das unterzieht sich keiner logischen Kritik, sondern einzig einer kritischen Selbsterfahrung. Diese ist im Medium des Aesthetischen angesprochen, denn Ästhetik bedeutet nicht bloss die Wahrnehmung der Widersprüchlichkeit der menschlichen Auto-Suggestivität des Erkenntnisapparates, sondern auch diejenige Instanz, in der die ontologischen Surrogate an den Spuren ihrer ausgebauten Systemherrschaft und dem Druck ihrer behaupteten Logik sichtbar werden. Ästhetik als Erfahrung der kritischen Bedingungen der Selbstreflektion findet einen gesonderten Stellenwert in den spezifischen Poetiken der Ermöglichung, ästhetische Strukturen als Differenzierung des Imaginären und der Evolution der künstlichen Symbolisierung, d.h. in geschichtlich wirksamen Medialisierungen und Vergegenständlichungen zu konkretisieren. Solche Verlebendigung erzeugt nicht allein die Möglichkeit von Bedeutungen, sondern mehr noch die permanent erweiterte Chance der fiktional erfahrbaren Eigenkraft von Signifikationssystemen. Solche Ausdrucksformen symbolischer Medialisierung umfassen heute auf dem Niveau jeweils historisch bestimmt angeeigneter anthropologischer Existenzvoraussetzungen deren wichtigste, der natürliche Zwang zur Künstlichkeit die Anthropologie der Moderne als einer Mediengesellschaft bestimmt nicht allein die als Erkenntnisqualitäten und humanistische Wissensformen aufgewerteten bildenden Künste, sondern auch die alltagskulturell wirksamen Bildsysteme, die propagandetischen Rhetoriken von Politik, Werbung und Warenästhetik,. die Fesselungs- und Entgrenzungsdramaturgien der in Idolen naturalisierten Zugriffen der populären Massenkultur, die technisch-simulatorischen Apparate, die Urbanisierung einer visuell dominierenden Signalsprache, die Probleme der Bedeutsamkeit von Funktionen, Architektur und Stadtplanung, VideoClips und Markenartikeltechnik, Konsumkultur und Industriepropaganda, Mediatisierung und Mechanisierung des Alltag, Logistik der alltagskulturellen Stilisierungen bis hin zu einer methodischen Entwicklung des neuronalen, mentalen, ästhetischen, praktischen Einflusses der immateriellen Regulierungssysteme 3 in der technisch-industriellen Zivilisation. Die konkreten Poetiken, verbunden mit einem Zuwachs der Notwendigkeit einer interpretatorischen Aneignung dessen, was als Bedeutung eine Anspruchsleistung erst im nachhinein bewahrheitet 4, sind also die Kultur gewordene besondere Ästhetik der anthropologisch sich differenzierenden Ausdrucksformen. Ästhetik als Selbstreflektion der aktuellen Kultur muss die stofflichen und kategorialen Wandlungen an den Bereichen der konkreten Poetiken entwickeln. Die traditionellen Künste stehen deshalb exemplarisch im Brennpunkt, weil sie am radikalsten die Struktur des Ästhetischen als Problem der Bedeutung gegen die Suggestion einer naturgeschichtlichen Ontologie geordneter Wahrheit wenden. In der Leistung der Kunst kommt nicht allein Fiktion als Symbolisierungskraft zum Ausdruck Fiktion als Darstellung dessen, was gerade nicht existiert 5- sondern die spezifische Handlung einer beabsichtigen Suspendierung der naturalen Ontologisierung durch die künstlerische Ausdrücklichkeit gesetzter Signifikation, mit der die immateriellen Bedingungen von Realität, die Produktion des Symbolischen als die Erzeugung der spezifischen Welt des Menschen, der Kultur also, selber erfahren werden können. Diese besondere intellektuelle Erfahrung ist eine ästhetisch verfasste. Die ästhetische Leistung der Künste ist das Konfliktpotential, das sie mit der Suspendierung des Ontologischen freisetzen. Diese Kraft der Opposition zur Naturalisierung des Ästhetischen an einem wie immer gearteten Materialismus oder Realismus einer jenseits menschlicher Signifikation bedeutsamen Welt, aus der Kultur hervorgeht wie irgendein Produkt genetischer oder evolutionärer Mutation 6, kennzeichnet die radikale Leistung der Künste unseres Jahrhunderts, sei dies nun die Abkoppelung vom Bezeichnungsinhalt in den Konstruktivismen seit Malewitsch, die informelle Eröffnung der Betrachterperspektive im Werk selber, die Minimalisierung des Appelationsbezugs zugunsten der Konzentration auf die elementaren Bezeichnungsmodelle oder die Revokationen einer primären Kreativität, die gerade nicht auf Ontologie zielt, sondern ihre Zerstörung bewirkt, weil sie von Bruch, Insignifikanz und Unordnung, vom polymorphen Chaos der widersprüchlichen Ungleichzeitigkeiten ausgeht und ästhetische Erfahrung an der Indifferenz von Irrtum und Wahrheit konstituiert 7. Nicht selten verbirgt dabei eine vordergründige Revokation des Mythischen die Tatsache, dass Kunst als Mythos die Kraft einer oppositionellen Suspension entwickelt. Das meint aber nicht einen mythischen Inhalt oder gar die Dramatik einer mythisch entborgenen Eigentlichkeit, sondern die ästhetische Struktur einer Konkretisierung, die am Stofflichen selber die Verweigerung der ontologischen Kategoriensysteme verdeutlicht, d.h. allegorisch zwischen Bezeichnung und Zerstörung der Codes, zwischen Wahrheitskritik und endlos fortlaufender Deutlichkeit der Indifferenz (im Werk von Joseph Beuys als Dynamik der bezeichnenden Bezeichnungsverweigerung entwickelt 8) pendelt. Kraft dieser ästhetisch ins Offene gebrachten Verdeutlichung des geschichtlichen Zusammenhang von Mythos und Kunst entwickelt die moderne Poetik der bildenden Knste eine oppositionelle Radikalisierung, die bis zur Zerstörung des Wahrheitsanspruchs und der Glaubenssysteme reicht. Kunst setzt sich als Divergenz gegen Wahrheit, das macht ihre poetisch-differenzielle Kritik der als Kohärenztext aufgefassten Formen von Erkennen und Wissen aus: sie weist die nur ästhetisch zu begreifende und ästhetischkünstlerisch zu verdeutlichende Verschiebung von Wahrheitsbehauptung und Wahrheitsbeweis als Reflektionspotential aus, das sich als eigentliche kritische Differenz und praktische Selbsterfahrung der Bedingungen von Symbolisierung und Imagination aufweisen lässt. Nichts anderes beschreibt heute das Erfahrungsfeld 'Kunst' 9. Die Kunst hat ihre Philosophie systematisch überholt. Denn sie provoziert präventiv Antithesen solcher Wahrheitsansprche. Das macht ihre theoretische Verfassung aus. Weit davon entfernt, Unmittelbarkeit zu bezeugen, ist die radikalisierte Differenz gerade die Leistung höchster Vermittlung. Dagegen haben die wenigen ernstzunehmenden philosophischen Ästhetiken in den letzten dreissig Jahren mit der Revokation des Mimetischen 10, einer Ontologie des Imaginären in der bloss methodischen Verdoppelung der Kunstsachverhalte zugunsten eines allgemeinen Metaphorismus 11, einem Pluralismus jeweilig differenter Bezüglichkeit im Rahmen einer Viele-Welten-Theorie 12 sowie unzähligen Revokationen der mythischen Eigentlichkeit auf dem technischen Niveau medialer Bildsimulation 13 sowie Versuchen einer Theorie des Souveränen 14 und unzähligen, dem Apriori der Wortsprache doktrinär folgenden methodischen Formalisierungen argumentiert 15. Die eigentliche Provokation der praktischen Poetiken seit Duchamp und den Materialcollagen Picassos sowie den Konstruktionen Tatlins hat sich zunehmend mit einem Kulturwandel in Richtung Mediatisierung der Bilddifferenzierungen und damit dem gesamten Reichtum trivialisierter, alltagskulturell regulierender Bildsysteme verbunden. In den Niederungen des Trivialen gilt es, den Wahrheitsbeweis der poetischen Wahrheitskritik, gilt es, die kulturelle Utopie einer Selbstvergewisserung der anthropologischen Symbolisierungszwänge, gilt es, den Reichtum der Bedeutungen und Differenzierungen zu entwickeln 16. Ästhetisch bewusste Kritik mündet in ein Programm erneuerter Aufklärung ber die heute vorrangig poetisch zugängliche Inter-Medialität von Kunst, Sprache und Philosophie. Denn diese erzeugen die Welt erst, der sie als Beschreibungssysteme sich - analog, homolog oder digital zurechnen. Ontologieanspruch kann künftig nur eine Kultur der Differenz haben, welche die Wahrheitsabhängigkeiten der formulierten Aussagen und Dinge von der Welt des Imaginäen an der Wirksamkeit noch des Banalsten aufzeigen kann. Ein Festhalten an der Utopie hochkultureller Poetiken als vermeintlichem Gegenzug gegen die Verdummungsapparate der verwalteten Welt degeneriert vor den Differenzierungsleistungen dessen, was sie bloss denunziert (wie seit je, über Marx und Kant, Nietzsche und Heidegger bis hin zu Marcuse und Adorno Philosophie das Alltagsbewusstsein als defizitär denunziert hat, ohne die spezifisch philosophischen Vezerrungen am bloss vermuteten Denunziationsgut zu reflektieren), zum schieren Utopismus oder setzt die Naturgeschichte des Melancholismus fort. Die Kultur der Differenz entspringt den Differenzierungen der alltagskulturellen Lebensformen. Ästhetik, die nicht daran sich entwickelt, betreibt einen Ontologismus, der nicht bloss nicht auf der Höhe der technischen Medienkultur ist, sondern daran das Konzept von Medialität zerstört, das Einsicht in die Anthropologie des Symbolischen liefern kann. Historisch greift die Kultur der Differenz als ästhetische Kritik des Fundamentalismus die Formulierungssysteme medialer Fiktionalität auf, die heute an den technischen Realitäten die Anthropologie der menschlichen Situation konkret poetisch erfahrbar macht. Dies zu leugnen, erschiene als synonym mit dem Verzicht, nicht nur unsere Kultur, sondern deren historischen Zusammenhang zu verstehen. Kunst impliziert deshalb die radikalsten Formen kritischen Probehandelns (und soll sie gegen aktuelle Revokationen der Kritik zugunsten mystizistischer Stofflichkeitssprachen und Transzendierungsabsichten einer rituell herbeibeschworenen 17 Eigentlichkeit wiedergewinnen), weil in ihr Modelle alltagskulturellen Verstehens als Provokation etablierter Denkformen, als Eröffnung des Neuen, Variation des Nicht-Erfassten erscheinen. Im Zerfallsprozess der Vision eines hochkulturell vereinheitlichten Textes werden Kräfte freigesetzt, die in ihrer Haupt-Tendenz einen gesamt-zivilisatorischen Kulturwandel bestimmbar machen: eine Verschiebung von primären stofflichen Erfahrungen und der Unmittelbarkeit nicht einsehbarer Vermittlungsleistungen in ihrer zeichenhaften Deutung hin zu den ihrer Reflektionskraft bewussten Modellen der Zeichenverwendung für die Integration der Erfahrungen in geordnete Wahrnehmungszusammenhnge einer interpretierten kulturellen Zugehörigkeit 18. Dieser Zusammenhang ist Konstruktion, bedeutet den Einsatz von Montagen, ist als Fiktion problematisierte Realität. Erfahrungszusammenhänge liegen in keinerlei Weise bloss natürlich vor, auch wenn die gesellschafliche Verlängerung der Naturbedingungen menschlicher Orientierung keineswegs gering veranschlagt werden dürfen. Erfahrungen bilden einen Zusammenhang nur, wenn sie aus der Anwendung von Modellen hervorgehen, durch die sie konstituiert und konstruiert werden. Diese Konstruktion soll anders als in den Selbstversorgungsmaschinen und den Auto-Poesis-Visionen der konstruktivistischen Erkenntnistheorie und Evolutionsforschung sowie ihrer Anwendung auf systemtheoretische Apparatisierungen des gesellschaflichen Lebens 19 - als ästhetische Struktur des Imaginären verstanden und an der Herausarbeitung künstlerischer und kultureller Handlungsformen dargestellt werden. Die Dimension des Ästhetischen bezeichnet die Äusserung der Differenz zwischen Konzeptionen und ihren Produkten. Als Paradigma genommen, entspringt daraus in methodisch prinzipieller Verdacht, die herzustellende Einsicht in die Divergenz zwischen Zeichen und Bezeichnetem, Idee und Handlung, Utopie und Realität bedeute keineswegs ein praktisch-ethisches Postulat der angewandten Wissensorientierung im Anschluss an den Typus Weberscher Verantwortungsethik, sondern viel mehr die kommunikative, sozial verbindliche Eröffnung der Grundlagendimension des Ästhetischen, das die Differenzierung des Wirklichkeitsbegriffs und damit die Einsicht in die Konstitution von Widersprüchlichkeit ermöglicht. Ästhetik als Moral der Kommunikation bedingt die radikale Divergenz zum naturalisierten Realen: Differenz stellt Ungleichzeitigkeit her. Die Differenzierung zwischen vermeintlich unmittelbaren und vermittelten Erfahrungen und den tatsächlichen Rekonstruktionsformen der konstitutiven Vermittlung ist, auf transpersonale Bedeutungen und Identitätsformen angewandt, die Bestimmung der utopischen Differenz. Utopie ist nicht die mehr oder weniger heimliche Logik einer aristotelisch dynamisierten Materie, in der ein Subjekt von Natur sich für sich selber herausprozessiert 20, ist überhaupt keine stoffliche oder kategoriale Bestimmung eines Materiellen, sondern eine Relation zwischen Immateriellem, nämlich zwischen den Bedeutungsleistungen menschlichen Denkens und den Bezeichnungsbedingungen der Darstellung dieser Bedeutungen, d.h. der sozialen Organisation der Symbolik im weistesten Sinne 21. Utopie ist eine Korrekturleistung gegen Naturgeschichte, erst recht gegen naturgeschichtlich sich behaupten wollende Kultur. Diese utopisch korrigierende Problematisierung des historischen Prozesses soll an der Zusammenfhrung ihres Potentials sowohl mit einer permanenten Erinnerung an die anthropologischen Kulturbedingungen wie mit der fiktionalen Künstlichkeit technisch manipulierter Erfahrungsmedien für die Tätigkeit der Imagination, mit den medial veränderten aktuellen Künsten also errtert werden. Die Korrekturkraft des Utopischen ist eine Virtualisierung nicht kraft abstrakter Antizipation, sondern kraft der ästhetisch darstellbaren Ungleichzeitigkeit des Realen. Deshalb ist ein solcher Utopiegedanke auf ästhetische Verdeutlichung, auf die Widerstandskraft einer in den Künsten formulierten Ästhetik angewiesen. Die Ansprüche an eine wie immer kohärente Organisation von Erfahrungen und Bedeutungen sind nur innerhalb der sie bedeutsam machenden kulturellen Widersprche darstellbar. Eine solche Kultur der Differenz bestimmt den in technischen Bildproduktionsmedien sich bloss deutlich anzeigenden Kulturwandel als Aktualisierung einer vermittelnden, anthropologisch bedingten Symbolisierung. Diesseits der als Einzigkeit verbindlich veranschlagten und ontologisch konzipierten Sprache ist Ästhetik medial verfasst. Für die Erfahrung der Poetiken der Künste und ihre Wirkungsabsicht, für ästhetische Produktion und Rezeption ist Medialität als Schlüsselbegriff zu entwickeln. Die Tatsache der zunehmenden technischen Mediatisierung des Kunstprozesses, die massenkulturell Recodierung und Verwertung von Kunstwerken und noch mehr von Kunstattitüden, die einfühlsame Kultivierung technisch-industrieller Erfahrungsformen belegt die Wirksamkeit des Verfgens ber solche Medien. Medialität kann grundsätzlich verstanden werden als ästhetische Perspektive , die aus der Einsicht in die Formulierungsbegriffe ästhetischer Erfahrungsansprüche die erkenntnisleitenden Differenzinteressen dem Zuwachs an Fiktionalität im Bewusstsein der die ästhetischen Gehalte bezeichnenden mentalen und handlungsleitenden Akte, damit also dem Kulturwandel aussetzt. Ästhetische Kritik ist also auch eine Vergewisserungsform der Geschichte, der sie sich zurechnet. Sie wird entwickelt als eigentliche Situierung des von ihr Beschriebenen in ihrem analytischen Gehalt, d.h. in den Prozessen und Produkten, auf die sie sich selber bezieht. Ihre Relation ist kein Produkt der Bezugnahme auf Geschichte, sondern umgekehrt: die von ihr analysierte Geschichte bewährt sich an der Kraft ihrer Relationen, im immer schon codierten Bezug zwischen Zeichen und Bezeichnungen. Sie ist Teil der Voraussetzungen der durch ihre Zeichensysteme erfassten Objektivierungen. Weniger ein Produkt des Kulturwandels als vielmehr eine Antriebskraft der Akkulturierung, der Leistungskraft von Lebensformen beinhaltet die von sthetischer Kritik beabsichtige Kultur der Differenz grundsätzlich Medialitt der Wahrnehmung als der bedeutungsschaffenden Bedingung fr die Sachgehalte der Signifikate, d.h. den Stoffzusammenhang der Beschrebung. In dieser Perspektive kann Medialitt als jegliches System von organisierten und geordneten Formen gelten, in denen Natur angeeignet, Austausch mglich, Bezge nachvollziehbar, Lebensformen bewusst reflektierbar werden. Die kommunikative Geltung einer aus Interaktionen hervorgehenden, berpersönlichen Bedeutung ist aber - anders als in soziologischen Kohrenzinteressen durch wahrheitstheoretisch aufgeladene; Kommunikationsphilosophie dem vermuteten Ästhetischen blo funkionktional aufgebrdet 22 - an die Erfahrung der Differenz ebenso gebunden wie an die anthropologisch defizitre Bestimmung des Symbolischen: ihre Bestimmung ist ausgezeichnet durch die Erfahrung der Uneinholbarkeit des Bezeichneten. Die uptopische Kraft einer in aktueller Medialitt zu vermittelnden Ästhetik der knstlerischen Poetiken auf dem Hintergrund der alltagskulturellen Lebensformen besteht in der Absage an jegliches vorgeblich vollumfänglich sich selber versorgende System, das Fremd- und Selbstbezug identitätsontologisch zusammenfallen lässt. Ästhetische Kritik bestimmt sich als Kritik solcher Naturalisierung des Mentalen und einer entsprechenden Ästhetisierung der Kultur gewordenen Handlungswelt der Menschen, die nicht mehr als fiktiv, als reale Bedeutung von etwas Nicht-Existierendem - nämlich der möglichen Ueberprüfungsfunktion noch nicht realisierter Erfahrungsansprche gelesen werden kann. Ästhetische Kritik hat mit den Konturen der Einheit von Erfahrungen in der Aneignung ihrer historischen Darstellungsmedien wie dem Bewusstsein der Darstellungsmethoden (das sind heute v.a. solche ikonologischen, hermeneutischen und semiotisch-rezeptions-sthetischen Zuschnitts) zu tun. Diese Einheit ist eine durch und als Widerspruch erfahrbar konstituierte Widersprüchlichkeit und keine einer realisierten Aufhebung oder gar ein Erlösungskonzept der antizipierten Aufhebung. Aufhebung als Synthese ist die Eliminierung der rezeptionsästhetisch erst wirksamen Differenz. Die Ontologie derartiger progressistischer Gestaltmodelle bis hin zu weltgeistverdächtigen Heldentaten eines ästhetisch sich bloss veräussernden, universalabstrakten Individuums ist ein geschlossenes System, das sich nur über die Ausblendung einer Ästhetik als Kritik behaupten kann. An solcher Ontologie wird aber einsehbar, dass Ästhetik als Differenzleistung alles andere ist als eine äusserliche Anmutung oder eine bloss genialische Kunsthandlung. Sie kann beanspruchen, Zivilisation als ästhetische Selbstdifferenzierung im Rahmen einer typischen kulturellen Einstellungsmodellierung zu einer nicht an Anderes delgierbaren Darstellungsaufgabe zu machen. Ästhetische Kritik setzt an der funktionssoziologischen Aufhebung der Zivilisationsdivergenz zwischen individuellem Bewusstseinsakt und allgemeiner Teleologie an 23. Zivilisation als Medium der Anverwandlung von Fremdzwängen hängt von einer ästhetischen Differenzierung des Selbstbezugs als eines nach Aussen verlagerten Modells jener Zeichenwirkungen ab, in denen die anthropologische Differenz das Nicht-Vermittelbare und Nicht-Vereinheitlichbare ermöglicht, was vermittelt und kommunikativ vereinheitlicht werden kann. Der symbolische Bedarf ist nicht etwas, das den geordneten Weltbezügen vorangeht und das im Fortlauf logischer Wissensordnung die blosse Vorgeschichte der stofflichen Objektivierung ausmacht. Die Konstruktion der Weltbezüge, die Orientierung der Erfahrungen im Kontext hypothetischer Ordnungen interpretierten Erfahrungswissens, ist vielmehr abhängig von der Erhaltung der symbolischen Differenz. Die Ordnung der Erfahrung produziert stetig die Bedingung der Vermittlung des Nicht-Vermittelbaren. Es ist die Schranke und Grenze des Symbolisierbaren, welche die Konstruktion ermöglichen. Ohne diese - kantisch: transzendentale Begrenzung sind Kommunikation und Symbolisierung nicht möglich. Ideengeschichtlich ist die Epochenschwelle der Romantik - die sich philosophisch im Bezug auf die Kantschen Kritiken konstituiert - der Ansatzpunkt einer systematischen Belastung der ästhetischen Funktion als einer Letztbegründung eines in anderen Bereichen bereits zerbrochenen ontologischen Systems. Es sind nun die ästhetischen Sinne, welche die Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Zerrissenheit und Traum, Vernunft und Offenbarung zu leisten haben 24. Die darin begründete 'ästhetische Kirche' 25 bezeugt das topologische Modell der Erkenntnisdelegierung an das Ästhetische und, noch vor der letzten Reaktion der ontologischen System-Metaphysik gegen die Erfahrung des Bruchs und Verlustes solcher Art organischer Weltbeziehungen des ästhetisch erkennenden Menschen, die Präfiguration eines Rezeptionsmodelles, das die Künste utopistisch belegt. Dieser utopistische Aufbruch in die ästhetische Auflösung der Erkenntnisbrüche ist im Sinne einer gerade heute wieder aktuell anmutenden neuen Mythologie und der Beschwörung einer Poesie als Lehrerin der Menschheit, d. h. einer stofflich-organischen wie einer kategorial-analytischen Evidenzoffenbarung dargelegt worden im sogenannten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus. 26 Hier findet -sich nicht nur die Abhängigkeit der Systemphilosophie von einer verdrängten und ausgeblendeten Erfahrung der romantischen Zerrissenheit, sondern präfigurativ, modellhaft und typologisch - die Auffassung einer Mythologie der Vernunft, die sich poetisch als Utopie einer kulturellen Einheit in der strategischen Volksaufklärung, im Rahmen einer ästhetischen Erziehungspropaganda also, durchsetzen lässt. Die ästhetische Mystifikation als eine poetische Kultur, die Einheit schafft, wo Einheit gerade nicht mehr ontologisch begründet werden kann: das liefert den Gegenzug zur indivualistisch subjektivierten Verweigerung einer sozialen Poetik und liegt den utopischen Programmen einer ästhetischen Selbstbefreiung von Kleist ber Malewitsch, Mondrian bis Beuys und von Hölderlin Schelling und Schiller bis Marcuse zugrunde 27. Die Künste als organische Verstofflichungen der ästhetischen Rezeptionssinne intendieren über die Utopie einer Einheit eine Kultur poetischer Differenz. Dabei kann aber diese Differenz unter Vorgabe einer Zurücknahme der kantischen Kritiken, z.B. zugunsten eines Gesellschafssubjektes wie in der Ästhetik Adornos 28, wiederum zu einem Totalitarismus zurückfinden, der die Bedingungen der negativen Schranke des Nicht-Vermittelbaren ebenso missachtet wie die Tatsache, dass poetische Mythologie ihre praktische Dimension erst in der ästhetischen Kritik, d.h. als Erhaltung einer Uneinholbakeit und einer prinzipiellen Differenz entfalten kann.
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