Giacomettis figürliche Darstellungen sind überlängte Wesen, die in ihrer überdimensionierten vertikalen Ausdehnung verharren und somit augenscheinlich ein vertikales Kraftfeld erzeugen. Ihre Überstreckung macht die ziehende Kraft, die ihre Körper einer Zerreißprobe gleich spannt, geradezu emphatisch spürbar. Dieses Mitempfinden der Streckung führt unweigerlich zu der Frage:

Wie wirkt diese unsichtbare Kraft?

Wir wollen den Giaccometti-Figuren großzügig unterstellen, daß sie sich nicht der Hybris schuldig machen, sich aus eigener Kraft gen Himmel zu strecken und nehmen somit eine äußere Kraft an, die der Gravitation entgegenwirkt.
Nun verschweigen die Giacomettis aber etwas sehr Wesentliches, nämlich wie und an welcher Stelle diese Kraft auf sie einwirkt. Sie weisen also keinen sichtbaren Ansatzpunkt für ihr Emporgezogensein auf.
Um diese Ansatzstelle einer vertikalen Kraft zu visualisieren schlage ich vor, einen nach unten geöffneten Haken am Kopf der jeweiligen Figur anzubringen, der aufschlußreich den Sachverhalt des Emporgezogenwerdens veranschaulicht.

Bildnachweis:
oben: Alberto Giacometti, "Grande testa di Diego" (1954-55- Bronze, h 65 cm)-Zürich, Kunsthaus, Alberto Giacometti Stiftung.
rechts: Alberto Giacometti, "Donna di Venezia" (1956- Bronze, h 124 cm)-St. Paul-de-Vence, Fondation Maeght.