Abrechnung mit der Dummheit meiner Ahnen;
(mit mangelndem Abstand)! ? Wie konnte es geschehen,
daß nur wenige Jahre nach Adi Hitler,
123 Jahre nachdem Richard Wagner die Revolution
geprobt hat, die Deutschen schon wieder einem
Gesamtkunstwerk auf den Leim gekrochen sind?


Ein bebilderter Essay von
Hagen Dirck Sanders


Alle Bilder wurden mittels Grafiktablett
am Rechner erzeugt (Größe DIN A 0) und können
vom Autor als TIFF-Dateien zum Selbstausdruck erworben werden.
eine Einleitung

Ein Mann lebte in Deutschland. Er war ein deutscher Künstler. Er hieß Joseph Beuys. Er ist ein Gott. Die Leute sprechen seinen Namen und alles wird gut. Endgültig.

die bedingte Relevanz

Ein Grund zum traurig sein. Ich war ein Banause und las Comics. In den Marvels kein J. Beuys. Warum nicht? J. Beuys konnte fliegen wie Superman. Ich wußte nichts von Kultur, ich wußte nichts von Kunst, zwei Jahrzehnte nur bunte Bilder. Als ich anfing mich zu bemühen, war J. Beuys schon in seinem Grab.

Wie die Kunst geliebt wird

Ich erinnere mich an Nachrichten über den Tod von J. Beuys, wahrscheinlich Tagesschau. Studenten mit schmerzverzerrten Gesichtern, ein Mitleid erregender Anblick, schrien in die Kamera. Ein Student hatte etwas auf eine Plakatfläche geschrieben oder gemalt, ich weiß nicht mehr was, er schien sagen zu wollen, Joseph, Du bist gar nicht tot, Du kannst gar nicht sterben, wo wir Dich so lieben und so brauchen, jemand wie Du, der stirbt nicht wirklich, gib es doch bitte zu, gib uns ein Zeichen, daß Du gar nicht tot bist, es kann nicht wahr sein, das ist doch alles nur ein Witz, oder?


Komm wieder, komm bitte wieder zu uns, bitte komm jetzt, k o m m ! , b i t t e !. Echte Trauer. Und dann schien er noch sagen zu wollen: Joseph, auch wenn Du tot bist, wir können Dich nicht vergessen, nie, nein, nein wir werden Dich nie vergessen, Du wirst immer bei uns sein, wir schwören es, wir tragen Deine Lehre wie eine leuchtende Fackel, überall hin, wo kein Licht ist, auch wenn die Welt noch gegen uns ist, wir verraten Dich nicht, denn Du, Joseph, Du hast uns einen Weg gezeigt, und Du hast uns das Licht


gebracht, vorher war es so dunkel. Es ist doch viel zu früh für Dich, zu sterben, ich hätte sterben sollen statt deiner, nicht Du, gerade jetzt, wo man auf uns zu hören beginnt, das ist so schwer, Du warst so großartig und einmalig. Du warst so stark, Du warst das Genie, wir konnten Dir folgen, aber wem sollen wir denn jetzt folgen? Aber Joseph, Du, wir werden es ohne Dich versuchen, wir können jetzt nicht mehr zurück Joseph. Es war nicht vergebens, wir werden den Kapitalbolschewismus besiegen, aber warum mußtest du gehen? Das stand in den Augen des Jungen.
Jwoll, Herr Hauptmann Wie man lernen muß zu lieben

Die Erziehung junger Leute. Junge Leute lieben J. Beuys, J. Beuys macht sie glücklich. Junge Leute werden gelobt, und sie wollen immer mehr und mehr und mehr und mehr gelobt werden. Und wer ein schönes Bild gemalt hat, der soll auch Künstler werden. Um Künstler zu werden muß Bildung sein. Um sich zu bilden geht man zur Universität. In der Universität sitzen die Professoren. Und die gelobten Kinder lernen vom kalten Haß der Chauvinisten (der Gebildeten). "Ah, was haben wir denn da, eine Bildungslücke, INTERESSANT." Nur J. Beuys war da anders. Oma, ich schenke dir dieses schöne Bild. Ich lerne auch was ich lernen soll.
endlich, verliebt

Geht es den Kindern einmal schlecht, sagt er ihnen: Jeder ist ein Künstler. Alles wird gut, das hat geholfen.


Joseph Beuys im Krieg

Von seinen Biographen erfahren wir über die Zeit, die J. Beuys im zweiten Weltkrieg verbracht hat das Folgende: J. Beuys kam ganz jung in den Krieg. Er war 19 Jahre alt, als der Einberufungsbefehl kam, direkt nach dem Abitur. Der spätere ausgewiesene Menschenfreund soll schon damals den Berufswunsch Kinderarzt gehabt haben, und entschlossen gewesen sein, ein Medizinstudium zu beginnen. Nach der Einberufung kommt Beuys zur Luftwaffe. Die Biographen sind sich nicht einig, ob er freiwillig zur Luftwaffe geht, oder dorthin abkommandiert wird. Wir können uns gut vorstellen, daß J.B. tatsächlich dringend zur Luftwaffe wollte.
der Glanz der Waffen

Bis J. Beuys das Abitur bestand, hatte man die schnellen Siege in Polen schon einige Zeit in Wochenschau und Zeitungen feiern können. Dem Abiturienten war genug Gelegenheit gegeben, sich der Faszination des Anblicks der Sturzkampfflugzeuge und der ebenso metallischen Vertreter der Jagdwaffe auszusetzen. Quadriert man die Faszination, die Bildwirkung eines Autos, idealerweise eines Sportwagens, so erhält man die Faszination die beim Anblick eines Sturzkampf- oder Jagdflugzeuges ausgelöst wurde. Bezogen auf den männlichen Teil der damaligen (1940), wie der heutigen Bevölkerung wird das niemand bestreiten wollen. Die Propagandisten des Fliegerheros hatten gut gearbeitet. Nur Uschi Hartmann hatte ihren Erich schon lange vor dessen erstem Abschuß lieben gelernt.


Erich Hartmann war der Jagdflugzeugpilot, dessen Weltabschußrekord immer noch gilt, ein Mann dem Hitler zur Gratulation mehrfach die Hand schüttelte, dem als einzigem jemals gestattet wurde während dieser Zeremonie eine Pistole zu tragen. Ein junger Rekrut mußte nicht immer zu den Fliegern wollen. Die Panzer übten Anziehungskraft aus, wurden sie doch von der Propaganda als die legitimen Söhne der Kavallerie dargestellt. Daß diese Söhne stärker als ihre Väter waren, konnten sie unter Beweis stellen, wenn Polen oder Sowjets deutschen Panzerkanonen ihre Männern auf Pferden zum Fraß vorwarfen.
Sturzkampfbomber

J. Beuys wurde jedoch nicht Pilot, was er wie alle wollte und nach dem Krieg phantasierte, sondern erst einmal Bordfunker. Der Bordfunker war das zweite Besatzungsmitglied in dem Sturzkampfflugzeug Junkers Ju 87. Alle der bis 1943 produzierten Stuka Ju 87 benötigten diese zwei Mann Besatzung. Die Aufgabenverteilung zwischen Pilot und Bordfunker war so: Der Pilot flog die Maschine, machte das Ziel für die Bomben selbst aus (im Gegensatz zu größeren und konventionell konzipierten Bombenflugzeugen, bei denen dies der "Bombenschütze" zu tun hatte). Hatte der Pilot das Ziel, das ihm in der Einsatzbesprechung zugewiesen worden war, erkannt, visierte er es an, indem er die Ju 87 aus der Horizontalen in einen Sturzflug zwang. Von diesem Verhalten konnte den Stukapiloten nicht einmal die Verseuchung des Luftraums mit feindlichen Flugzeugen abhalten. Auch der Beschuß durch Flugabwehrgeschütze konnte den Sturzflug der Stukas nicht verhindern.


Die STUKA griffen die Stellungen der Flugabwehrgeschütze oft direkt an, und waren dabei gewöhnlich erfolgreich. Nach so einem Angriff blieben immer ein Bombenkrater, ein zerstörtes Flakgeschütz, Blut und drei bis zehn tote Russen, Engländer, Franzosen oder Amerikaner zurück. Das Panorama konnte dann der Bordfunker genießen. Überlebende solcher Angriffe berichteten, daß das Zielen auf diese Flugzeuge außerordentlich schwierig gewesen sein muß, es galt die Nerven zu behalten, während man den eigenen Tod, in Gestalt des auf die Erde zurasenden Flugzeuges, buchstäblich kommen sah. Und dazu erschallten noch die "Trompeten von Jericho", ein enervierender, lauter, hoher Ton, der mit Zunahme der Sturzfluggeschwindigkeit immer mehr anschwoll. Er wurde verursacht von einer Sirene, die zur Ausrüstung der Ju 87 gehörte. Sie bestand nur aus einem kleinen Holzpropeller. Die Sirenen begründeten den Ruf der Sturzkampffliegerei als Terrorwaffe.


Der "Generalluftzeugmeister" Ernst Udet schrieb die Erfindung der ,Trompete von Jericho" Reichskanzler Adolf Hitler selber zu. Wie einem Soldaten zumute war, der von einer Stuka angegriffen wurde schildert Mr. Rowlands : , . . , es herrschte ein ohrenbetäubender Gefechtslärm, denn unsere Geschütze schossen, und ringsum schlugen feindliche Granaten ein. Erst als ich zufällig nach oben blickte, sah ich, daß die Stuka bereits über uns kreisten. Ich dachte, -jetzt ist es so weit- , und warf mich auf den Boden, als die Hölle losbrach. Mein Geschütz wurde bald getroffen, und ich erinnere mich, wie ich immer wieder hochgeworfen wurde und auf den Boden zurückfiel, während die Detonationen unsere Stellung erschütterte.


Als Rauch und Staub sich verzogen hatten, waren die Geschütze und Fahrzeuge ein brennendes Gewirr verbogenen Metalls, und ringsumher explodierte unsere Munition. Nach einiger Zeit verspürte ich Schmerzen am ganzen Körper. Ich war nicht verwundet worden, aber durch das Herumgeworfenwerden auf dem Boden völlig zerschlagen. Wir hatten hohe Verluste, wurden sehr bald überrannt und gefangengenommen. Wir waren wie erlöst. Einen Stukaangriff wollte ich nicht noch einmal erleben."
im freien Fall

Bei einem Angriff aus dem Lehrbuch stürzte der Pilot aus einer Höhe von 4000 m auf das Ziel zu, durchflog, weiterhin zielend, in wenigen Sekunden 3000 m und löste in einer Höhe von ca 1000 - 600 m, die bis zu 1800 Kilogramm schwere Bombe aus. Hatte er soweit alles richtig gemacht, detonierte die Bombe genau in dem Punkt, den der Pilot als Ziel anvisiert hatte. An die Genauigkeit, mit der die Bomben im "ZIEL" explodierten, konnten sich weder die Piloten, noch Waffendesigner und Luftwaffenstäbe gewöhnen. Sie blieb während der gesamten Einsatzzeit der Ju 87 im Krieg Anlaß für Begeisterung.


Diese Genauigkeit war phantastisch. Was wir heute aus dem Fernsehen kennen, wie es aus dem Blickwinkel einer Bombe aussieht, wenn sie vom Flugzeug aus, wohlmöglich noch raketengetrieben und ferngesteuert, auf das Ziel stürzt, dabei das Ende so rasend schnell, daß man sich die Augen reiben muß, das sahen damals schon die Stuka Piloten! Welche Sensation für die Augen des Piloten. Wie fade für den Funker. Er fällt. Der Pilot stürzt, seine Sinne sind wach, er rast auf die Erde zu, er zielt, elektrisiert, - der Funker fällt nur - mit dem Rücken zur Erde - nichts als ein langer, gräßlicher Alptraum. Dann statt Erwachen Ohnmacht. Nach der Ohnmacht Erwachen, aber keine Ruhe. Scheußlich.
Fliegen, Stürzen

Das Handwerk der Sturzbomberei war nicht einfach. Am Anfang mußten die Piloten selbst dafür sorgen, daß der Motor im Sturzflug nicht unterkühlte, der Propeller nicht ,abmontierte,, die Maschine nicht zu tief stürzte, Vorhaltewinkel und Abdrift richtig kalkuliert waren, der Motor nach dem Abfangen nicht überhitzte, u.s.w. . Während des Sturzfluges hatte der Pilot zu Beginn der Entwicklung also ständig etwas zu korrigieren oder zu bedienen; die Einsicht in die Überforderung des Piloten löste einen waffentechnischen Automatisierungsschub aus, und auf den war man im Propagandaministerium besonders stolz . "Mein Führer, das müssen Sie sich vorstellen, ALLES AUTOMATISCH !"
Zwischenbemerkung

Noch vor der STURZFLUGAUTOMATIK, die die Kühlerklappen am Wasserkühler schloß, den Verstellpropeller verstellte und die Motordrehzahl des Jumo-Motors herrunterregelte war die AUS DEM STURZFLUG ABFANGEN AUTOMATIK fertig. Dr. Pohlmann war zufrieden. Der in den Junkerswerken so beliebte Waffendesigner, stets gut angezogen, fabelhafte Manieren, und sein junges Team hatten ganze Arbeit geleistet. Die Automatik funktionierte zuverlässig. Sie würde die Bomberpiloten sicher zurück zum Horst bringen.
Ohnmacht und Ängste

Wenn der Pilot die 3000 m des senkrechten Zielanfluges durchstürzt war, wurde das Flugzeug abgefangen. Die bei dem Abfangmanöver auftretenden positiven Erdbeschleunigungskräfte sorgten dafür, daß sich das Blut in den gedrillten soldatischen Körpern der Besatzung des STUKA schlagartig einen Weg in die unteren Gliedmaßen suchte. Dort staute es sich und verursachte dadurch Blutarmut im Gehirn. So kam es jedesmal beim beabsichtigten harten Abfangen des Sturzbombers zu Sehstörungen und sehr oft zu einer, wenn auch kurzen, für ein Flugzeug natürlich gefährlichen Ohnmacht. Das beschriebene Phänomen des Blackouts beim Abfangen aus dem Sturzflug trat schon während der Entwicklung der Ju 87 in den Junkerswerken auf. In den Stukaschulen, den Ausbildungsstätten für die Piloten und die Bordfunker ging die Angst um. Diese Angst ließ nicht nach, wenn der erste mutwillige Sturzflug überstanden war.


Zudem konnten Funker und Pilot immer davon ausgehen, ein unter Kriegsbedingungen gewartetes, also ein nicht vollständig funktionierendes Flugzeug besteigen zu müssen. Anders geartete Piloten waren süchtig nach Sturzflügen, wie Melitta Schiller-Gräfin Stauffenberg, die bis zu ihrem Abschuß am 8. 4. 1945 2500 Sturzflüge zu Testzwecken durchführte. Oder Hans Ulrich Rudel, der höchstdekorierte deutsche Soldat des 2. Weltkrieges, der bei seinen 2530 "Feindflügen" ähnlich oft gestürzt ist. (Dieser "Überflieger" hatte während des Krieges schon ein "Kunstbewußtsein". Er schreibt in seinen Erinnerungen an die Flucht, die ihm gelang als er über russischem Gebiet abgeschossen worden war: " . . . Den Höhenrücken schätze ich auf zehn Kilometer Länge, das ist endlos lang?


Aber - ist das wohl so lang? Zehn Kilometer ist doch ein Abstand, den du früher beim Sport gelaufen bist - öfters - und in vierzig Minuten. Was du damals in vierzig Minuten konntest, mußtest du jetzt in sechzig schaffen können; denn der Preis ist die Freiheit. Also versuche es mal im Dauerlauf! Ein Bild entarteter Kunst mußte es sein, wie ich mich da auf dem Höhenrücken im Dauerlauf fortbewege - in Fetzen - auf nackten, blutigen Füßen - die Schulter in Schmerzen verkrampft . . . Du mußtest es schaffen . . . denke an den Zehnkampf. . . - und laufe . . laufe . . ."). Die Gewöhnung an die außergewöhnliche Fluglage trat nicht zwangläufig ein.


All das wußte ein Bordfunker wie J. Beuys natürlich, genauso wie sein Pilot. Es ging ihm aber wesentlich schlechter. Für den Bordfunker kam zur Ohnmacht nach dem Sturz, noch die Ohnmacht der völligen Handlungsunfähigkeit. Das Überleben bei so einem Feindflug konnte er selbst nur zu einem geringen Maße sicherstellen, indem er, zum Beispiel, die Funkverbindung zu seinem Verband und die Sprechfunkverbindung zu seinem Piloten aufrecht erhielt. Eine dritte Ohnmachtserfahrung vermittelte ihm die Gewißheit, im wahrscheinlichen Falle eines Luftkampfes die Rolle des Opfers spielen zu müssen.
Teil 2