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Ein nützlicher Anschauungsunterricht für Kritiker der Plastination In seinem Roman "Der Zauberberg" schildert Thomas Mann als Geist der Erzählung, das heißt als Movens ästhetischer Veranschaulichung unserer Zeit- und Ereignisbegriffe, wie das 1913 noch ganz sensationelle Röntgenverfahren auf die jungen Sanatoriumspatienten Hans Castorp und Joachim Ziemßen wirkte. Wie der Klinikchef, Hofrat "Radamant" Behrens, den beiden Jugendlichen im Bildgebungslaboratorium erregende Einblicke in das Innere ihres Körpers gewährt, bietet uns Anatomieprofessor von Hagens, auch er wahrlich ein "Radamant", heute in der Ausstellung seiner Plastinate mit seinem Verfahren der darstellenden Anatomie Gelegenheit, unseres inneren wie äußeren Körpers gewahr zu werden "Mein Gott, ich sehe mich im anderen!": "... Bitte, Wehelaute zu unterdrücken! Warten Sie nur, gleich werden wir Sie alle beide durchschaut haben. Ich glaube, Sie haben Angst, Castorp, uns Ihr Inneres zu eröffnen? Seien Sie ruhig, es geht ganz ästhetisch zu. Hier, haben Sie meine Privatgalerie schon gesehen?" Und er zog Hans Castorp am Arm vor die Reihen der dunklen Gläser, hinter denen er knipsend Licht einschaltete. Da erhellten sie sich, zeigten ihre Bilder. Hans Castorp sah Gliedmaßen: Hände, Füße, Kniescheiben, Ober- und Unterschenkel, Arme und Beckenteile. Aber die rundliche Lebensform dieser Bruchstücke des Menschenleibes war schemenhaft und dunstig von Kontur; wie ein Nebel und bleicher Schein umgab sie ungewiß ihren klar, minutiös und entschieden hervortretenden Kern, das Skelett. "Sehr interessant", sagte Herr Castorp. "Das ist allerdings interessant!" erwiderte der Hofrat. "Nützlicher Anschauungsunterricht für junge Leute. Lichtanatomie, verstehen Sie, Triumph der Neuzeit. Das ist ein Frauenarm, Sie ersehen es aus seiner Niedlichkeit. Damit umfangen sie einen beim Schäferstündchen, verstehen Sie." (...) "Nächster Delinquent!" sagte Behrens und stieß Hans Castorp mit dem Ellenbogen. "Nur keine Müdigkeit vorschützen! Sie kriegen ein Freiexemplar, Castorp. Dann können Sie noch Kindern und Enkeln die Geheimnisse Ihres Busens an die Wand projizieren!" (...) "Ich sehe dein Herz!" sagte er mit gepreßter Stimme. "Bitte, bitte", antwortete Joachim wieder, und wahrscheinlich lächelte er ergeben dort oben im Dunklen. Aber der Hofrat gebot ihnen zu schweigen und keine Empfindsamkeite zu tauschen. Er studierte die Flecke und Linien, das schwarze Gekräusel im inneren Brustraum, während auch sein Mitspäher nicht müde wurde, Joachims Grabesgestalt und Totenbein zu betrachten, dies kahle Gerüst und spindeldürre Memento. Andacht und Schrecken erfüllten ihn. "Jawohl, jawohl, ich sehe", sagte er mehrmals. "Mein Gott, ich sehe!" (...) Heftig bewegt von dem, was er sah, fühlte er sein Gemüt von geheimen Zweifeln gestachelt, ob es rechte Dinge seien, mit denen dies zugehe, Zweifeln an der Erlaubtheit seines Schauens im schütternden, knisternden Dunkel; und die zerrende Lust der Indiskretion mischte sich in seiner Brust mit Gefühlen der Rührung und Frömmigkeit. (...) Er war dann noch so freundlich, zu erlauben, daß der Patient seine eigene Hand durch den Lichtschirm betrachtete, da er dringend darum gebeten hatte. Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen, was aber eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist, und wovon auch er niemals gedacht hatte, daß ihm bestimmt sein könne, es zu sehen: er sah in sein eigenes Grab. Das spätere Geschäft der Verwesung sah er vorweggenommen durch die Kraft des Lichtes, das Fleisch, worin er wandelte, zersezt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst, und darin das kleinlich gedrechselte Skelett seiner rechten Hand, um deren oberes Ringfinderglied sein Siegelring, vom Großvater her ihm vermacht, schwarz und lose schwebte: ein hartes Ding dieser Erde, womit der Mensch seinen Leib schmückt, der bestimmt ist, darunter wegzuschmelzen, so daß es frei wird und weitergeht an ein Fleisch, das es eine Weile wieder tragen kann. (...) Dazu machte er ein Gesicht, wie er es zu machen pflegte, wenn er Musik hörte - ziemlich dumm, schläfrig und fromm, den Kopf halb offenen Mundes gegen die Schulter geneigt. Der Hofrat sagte: "Spukhaft, was? Ja, ein Einschlag von Spukhaftigkeit ist nicht zu verkennen?" Wie also reagierten die Zeitgenossen auf die geheimnisvollen Röntgenbilder? Mit Angst vor der Eröffnung des Körperinneren und im Zweifel an der Erlaubtheit dieses Schauens von etwas, das eigentlich dem Menschen zu sehen nicht bestimmt ist. Gerade dieser Zweifel erzeugte in ihnen die ambivalenten Gefühle von Andacht und Schrecken, von Rührung und Frömmigkeit. Die Ambivalenz halten sie mit einem Gesicht wie beim überwältigenden Hören von Musik aus: dumm, schläfrig und fromm. Der Hofrat hilft ihnen aus dieser Entlastungsmüdigkeit durch die Versicherung, es gehe bei den Verfahren doch ganz ästhetisch zu. Das ermögliche ihnen, den Vorgang als nützlichen Anschauungsunterricht aufzufassen, in dem man sich selbst als einem anderen zuzuschauen lernt. Außerdem biete die Herstellung der Röntgenbilder ihnen die Chance, sich im Bilde ihres eigenen inneren Körpers noch den Nachfahren dauerhaft präsent zu halten. Natürlich bleibe bei dem Ganzen ein Einschlag von Spukhaftigkeit vor der eigenen Gestalt im zukünftigen Todeszustand. Thomas Mann läßt keine Gelegenheit aus, seine Romanfiguren mit den Tatsachen unserer organismischen Körperlichkeit zu konfrontieren; deren Choquewirkung verliere sich aber, sobald man bereit sei, die Tatsachen zu akzeptieren. Die Initianten/Patienten erbitten vom Hofrat immer erneut Aufklärung über die Physik, Chemie, Physiologie des prämortalen Leibes wie über die postmortale Befindlichkeit mit Leichenstarre, Ausstinken der Leiche und ihrer Verwesung. Auch dabei, im Postmortalen, so demonstriert der Hofrat, geht es ganz ästhetisch zu nur muß Behrens, um das zu demonstrieren, zunächst mit drastischer, ja brutaler Sprache die kulturell antrainierten Empfindsamkeiten seiner Zuhörer abarbeiten. Danach verstehen sie, daß auch der Tod in seinen Verfahren den Gesetzen des Lebens folgt, also Leben schafft und daß das Leben sich gerade im Walten des Todes triumphal manifestiert. weiter mit Teil 2 |
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