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Konstruktivismus heute Menschen schauten in den Himmel; in der Ewigkeit unerreichbarer Fernen sahen sie die unzählbaren Sterne schweben, schwimmen - wie wir als Kinder in der Suppe die Nudelklümpchen gewahr wurden. Um das zahllose Gewimmel dennoch zu fassen, legte sich uns, wie der Menschheit zuvor, ein natürliches Verfahren nahe: Wir sahen in die so willkürlich treibenden Pünktchen und Klümpchen Gestalten hinein: die sieben Schwestern, den Großen Bären, die Cassiopeia; und plötzlich wurde die "Ewigkeitssuppe" im Teller wie am Himmel identifizierbar. Die zufällig ausgestreuten Elemente ließen sich unserer Erfahrung einverleiben, weil wir offensichtlich von Natur aus angehalten werden, uns selbst im chaotisch Zufälligen durch Gestaltprojektion zu orientieren. Die Kraft der Projektion ziehen wir aus der Erfahrung mit der Gestaltwahrnehmung. Die Gestalten beziehen wir auf einander, indem wir Analogien bilden: Das kleine Eine erscheint uns wie ein großeres Anderes. Wir orientieren uns dabei an Formen, aus denen die Gestalten zusammengesetzt zu sein scheinen. Bemerkenswert ist, daß die grundlegendsten und stabilsten dieser Formen, der Kreis, das Quadrat, das Dreieck, nicht unmittelbar aus unserer Erfahrung stammen. Sie sind so analogietauglich, weil die reinen Formen erst als mathematische Idee aus der Erfahrung abstrahiert werden mussen. Daß wir zu dieser Operation begabt sind, erklärte man sich aus der Tatsache, daß unser Wahrnehmungsapparat aus dem Wirken der gleichen Gesetzmaßigkeit hervorgebracht wurde wie sie für die gesamte Natur gelten. Wie dem auch sei, unsere Gestaltwahrnehmung ist auf das Erkennen von Formen angewiesen und auf deren Verhältnis, wie zum Beispiel das der Symmetrie oder das des goldenen Schnitts. Künstler, die mit solchen Formen operieren, ohne von der Wahrnehmung in unserer Lebenswelt vorkommender Gestalten auszugehen, werden Konstruktivisten genannt. Einer von ihnen, ein zeitgenössischer und dazu noch ein besonders auffälliger, ist Michael Mattern. Um es gleich vorwegzunehmen: Das Besondere in seinem Konzept liegt darin, wie er es fertigbringt, aus dem Gefüge der von ihm verwendeten Formen Gestaltwahrnehmungen durchscheinen zu lassen. ![]() ![]() Seit den 20er Jahren hat man mit Blick auf die Bauten der Gotik dieses Durchscheinen als Diaphanie bezeichnet. Das galt der speziellen Konstruktionsweise gotischer Kathedralen, der Lichtmetaphysik der großen Fenster als gleichsam immaterieller Grenze von innen und außen, von irdischer und himmlischer Welt, wie auch eben dem Durchscheinen der christlichen Heilsgeschichte und ihrer Gestalten in den Formgefügen der Bauten. Wenn es hilfreich ist, Matterns Vorgehensweise als diaphanen Konstruktivismus zu bezeichnen, dann soll damit gesagt sein, daß in seinen Bildern, die technische Formen zur Sprache bringen, jene Gestalten durchscheinen, die als technische Konstruktionen, als Maschinen oder Regelkreise unser Alltagsleben fordern und zugleich risikoreicher machen. Wenn der Nichtfachmann solche Maschinen als Gestalten wahrnimmt (Dampflokomotiven, Braunkohlebagger oder Raketenstartrampen werden häufig als Lebewesen archaischer Welten erlebt) erschließen sich ihm deren Formen kaum noch über geometrische Abstraktionen. Ihre Formlogiken werden erst in Konstruktions- und Funktionsplänen lesbar. Wer die Theologie der Gotikzeit nicht kennt, wird durch geometrische Abstraktion die Bedeutung der Bauten kaum herausfinden. Das gleiche gilt für die technischen Konstruktionen unseres Zeitalters. Diesem nicht mehr über die Gestaltwahrnehmung erschließbaren Zustand von Gestalten und Formen gilt das Interesse von Michael Mattern. Er tritt dabei in Konkurrenz zu der bei uns seit der griechisch-römischen Antike auffälligen Art, in einem geschlossenen Dekorumsystem das Verhältnis von Formen und Gestalten unmittelbar einsichtig werden zu lassen. Die klassischen und klassizistischen Bauten erhalten ihre Gestalt als Integration von Formen, die der Geometrie entstammen. Sie wirken so harmonisch und dauerhaft stabil, weil ihre Gestalt und die addierten/kombinierten Formen, aus denen sie gebildet sind, weitestgehend übereinstimmen. Ihre spezifische Bedeutung als Sakralbauten, Wehrbauten, Herrschaftsbauten oder Privatbauten erhalten sie aus dem System des Dekorum, das im wesentlichen die Hierarchie der Bauten untereinander festschreibt. In der technisch geprägten Moderne hat dieses Dekorumsystem seine Verbindlichkeit eingebüßt. Dadurch wurde das Verhältnis von Gestalt und nicht geometrischer Form kritisch. |
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