Quelle

http://www.unifr.ch/spc/UF/93mai/schultz.html

Modelle des Lernens: Neuronale Netze

Neuronale Netzwerke sind künstliche Systeme, die mit Hilfe von Beispielen Regelmäßig­keiten erlernen können. Es finden sich erstaunlich viele Parallelen zwischen der Art, wie Menschen und höhere Tiere Zusammenhänge in ihrer Umwelt erkennen, und dem

 Verhalten Neuronaler Netze. Wir stellen zuerst das Grundprinzip Neuronaler Netze dar, sowie einen einfachen Lernmechanismus, die Delta-Regel. Anschließend werden drei Aspekte des Lernens vorgestellt: Automatisches Erlernen von Prototypen, Nichtbeachtung von Basisraten und Blockierung. Diese Phänomene können sehr gut mit Hilfe des Neuronalen Netzes erklärt werden.

Das Prinzip neuronaler Netzwerke

Neuronale Netze bestehen aus einer Anzahl von Knoten (sogenannten Neuronen), die miteinander verbunden sind. Abb. 1 Über diese Verbindungen wird Aktivität zwischen den Neuronen übermittelt. Ein Neuron «sammelt» alle einlaufenden Aktivitäten und geht in Abhängigkeit  von diesem Input in einen bestimmten Zustand über. (Es wird aktiv, inaktiv oder bleibt gleich.)

 Die Verbindungen zwischen den Neuronen sind unterschiedlich stark. Je stärker eine Verbindung, desto grösser die gegenseitige Beeinflussung. Das Netz lernt, indem es die Verbindungsstärken (Verbindungsgewichte) zwischen den Neuronen verändert. Hierzu gibt es unterschiedliche Verfahren. Die bekannteste Methode ist die Delta-Regel.

 Inputneuronen sind spezielle Knoten, über die ein Input an das Netz erfolgt. Diese Neuronen sammeln keine Aktivität, sondern werden «von aussen» aktiv gesetzt.Abb. 1

 Das Netz lernt eine Zuordnung wie folgt (= Delta-Regel):

 1. Die Inputknoten werden aktiviert (auf den Wert 1 oder 0 gesetzt). Die Knoten symbolisieren bestimmte Hinweisreize, z.B. bestimmte Symptome einer Krankheit. Ist ein Knoten aktiviert (= Wert 1), so bedeutet dies, dass das Symptom vorhanden ist.

 2. Das Netz errechnet die Aktivierung der einzelnen Outputknoten, indem die Werte aller assoziativen Verbindungen wij zwischen einem aktiven Inputknoten j und dem Outputknoten i addiert werden. Die Outputknoten stehen für das vorherzusagende Ergebnis, z.B. für die einzelnen Krankheiten.

 Die assoziative Verbindung von einem Inputknoten zu einem Outputknoten spiegelt das Ausmass wieder, in dem das Netz einen Zusammenhang zwischen einem bestimmten Symptom und einer Krankheit «sieht». Je stärker die Beziehung zwischen Symptom j und Krankheit i, desto höher der Wert von wij . Das Netz lernt, aufgrund einzelner Beispiele, die korrekten Beziehungen zwischen Symptom und Krankheit herzustellen, indem die Gewichte systematisch verändert werden.

 3. Vergleich der errechneten Aktivierung der Outputknoten mit einer vorgegebenen Zielaktivierung. Die Zielaktivierung stellt die korrekte «Antwort» dar. Diese wird mit der aktuellen Aktivierung verglichen. Die Differenz zwischen Zielaktivierung und Outputaktivierung wird errechnet.

 4. Anpassung der assoziativen Verbindungen: Zu jeder assoziativen Verbindung wird die Differenz zwischen Ziel- und errechneter Aktivierung hinzuaddiert (multipliziert mit einem Lernfaktor, der <1 ist, z.B. 0.003. Dieser Faktor stellt die Lernrate dar und beeinflusst wesentlich die Lerngeschwindigkeit).

 Es werden jedoch nur die assoziativen Gewichte zu den aktiven Inputknoten verändert. Der Grund ist, dass nur die aktiven Knoten zu dem Fehler, der sich in der Differenz zwischen errechneter Aktivierung und Zielaktivierung ausdrückt, beigetragen haben.

 5. Vorgaben eines neuen Inputs und Wiederholung des Lernzyklus.

 Neuronale Netze und Mustererkennung

 Neuronale Netze eignen sich sehr gut zur Mustererkennung: Es sei z.B. die Aufgabe vorgegeben, eine Anzahl von Objekten, mit zwei (relevanten) Merkmalen in zwei Kategorien einzuteilen. Die einzelnen Muster lassen sich graphisch in einem zweidimensionalen Koordinatensystem darstellen, wobei die Merkmale die Achsen bilden. Der Ort eines Musters in der Graphik ergibt sich aufgrund der Ausprägungen der beiden Merkmale für dieses Muster.Abb 2

 Das Netz lernt, eine Trennungslinie (oder Trennungsfläche), die von Gewichten gebildet wird, so auszurichten, dass sie genau zwischen den beiden Kategorien liegt. Ist die Lernphase erfolgreich abgeschlossen, so werden alle Muster, die sich auf der einen Seite der Trennfläche befinden der einen Kategorie zugeordnet, die auf der anderen Seite befindlichen der zweiten Kategorie.

 Man kann diesen Lernprozess als Optimierungsprozess betrachten. Hat das Netz eine gute Lösung gefunden, so befindet es sich in einem Gleichgewichtszustand. So hat sich in den letzten Jahren immer mehr die Vorstellung herausgebildet, dass unser Gehirn -ähnlich wie ein Neuronales Netz- Probleme löst, sowie Informationen speichert und abruft, indem es einen Optimierungsprozess durchführt und stabile Gleichgewichtszustände «sucht». Es seien nun drei klassische Lernphänomene kurz dargestellt:

 Automatisches Erlernen typischer Merkmale

 Menschen haben die Tendenz, die Welt in Kategorien einzuteilen, in deren Mittelpunkt typische Vertreter dieser Kategorien sind. Jedes Exemplar der Kategorie kann danach beurteilt werden, wie typisch es für diese Kategorie ist. So gibt es Personen, die eher für «typische» Schweizer, Franzosen etc. gehalten werden als andere. Diese Beurteilungen werden von uns in vielen Fällen spontan und automatisch durchgeführt.

 Einerseits scheint ein derartiges Prinzip sinnvoll, da es ökonomischer ist, sich nur die typischen Eigenschaften einer Kategorie zu merken (welche Eigenschaften ein typischer Vogel, Stuhl etc. hat) als die Eigenschaften jedes einzelnen Gegenstandes oder Lebewesens. Andererseits ergeben sich Probleme, da dieses Prinzip dazu führt, dass viel Detailinformation nicht beachtet wird. Diese Probleme werden evident, wenn es sich um soziale Stereotype handelt, z.B. «Frauen lassen sich bei der Bewältigung von Problemen eher von ihrem Gefühl leiten, Männer verlassen sich auf ihre Rationalität». Die Prototypenbildung vollzieht sich, indem bestimmte Merkmale mit einer Kategorie assoziiert werden (z.B. Frauen und Emotionalität), während Information, die als weniger indikativ für eine Kategorie angesehen wird, einfach ignoriert wird. Diesen Prozess kann man sehr gut in Experimenten zum Erlernen künstlicher Kategorien beobachten. Ein Beispiel ist das Experiment von Gluck & Bower (1988 siehe weiter unten). Auch hier suchten die Versuchspersonen (Vpn) nach typischen Symptomen für die Krankheiten unter Vernachlässigung anderer Information. Daher überschätzten sie die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Krankheit bei Vorliegen eines bestimmten Symptoms.

 Nichtbeachtung von Basisraten (Grundwahrscheinlichkeiten)

 Ein Test zur Diagnose von TBC reagierte bei 99% der Erkrankten positiv, aber auch bei 3% der Nichterkrankten. Erfahrungsgemäß gibt es zur Zeit 0.01% TBC-Erkrankte. Wie wahrscheinlich ist es, dass eine Person, die beim Test positiv reagiert, tatsächlich TBC hat? Die objektive Wahrscheinlichkeit lässt sich einfach mit Hilfe des sog. Bayes-Theorems berechnen und beträgt p = 0.0033, d.h. nur 0.33% der Personen, die beim Test positiv reagieren, haben tatsächlich TBC. Dies scheint eine erstaunlich geringe Wahrscheinlichkeit zu sein, wenn man bedenkt, dass der Test bei 99% der Krankheitsfälle anspricht, und nur bei 3% zu falschem Alarm führt.

 Der Hauptgrund für die geringe Wahrscheinlichkeit liegt darin, dass die Grundwahrscheinlichkeit für das Auftreten der Krankheit so ausserordentlich gering ist. Selbst Experten haben in vielen Fällen Schwierigkeiten, derartige Grundwahrscheinlichkeiten in ihre Überlegungen einzubeziehen. Wie Gluck & Bower (1988) in einer Serie von Experimenten feststellten, bemerkten Personen in bestimmten Situationen Unterschiede in der allgemeinen Auftretenshäufigkeit überhaupt nicht. Ihre Vpn mussten lernen zu entscheiden, welche von zwei fiktiven Krankheiten, eine eher selten auftretende Krankheit S und eine häufig auftretende Krankheit H, vorliegt. Hierzu wurden ihnen vier Symptome präsentiert, die unterschiedlich gute Prädiktoren der Krankheiten waren. Ein Symptom konnte entweder vorhanden sein oder nicht. Die häufige Krankheit trat in 75% der Fälle auf, die seltene in 25% der Fälle. Wenn Krankheit S auftrat, so war in 60% der Fälle Symptom 1 vorhanden, in 40% der Fälle nicht. Für Kranhkeit H war Symptom 1 in 40% der Fälle vorhanden, in 60% der Fälle nicht.

 Die Vpn erhielten nacheinander 250 Symptombeschreibungen und mussten für jedes Symptommuster angeben, ob Kranheit S oder H vorlag. Nach jeder Diagnose wurde ihnen die korrekte Antwort gegeben.

 Am Ende wurden die Vpn befragt, für wie wahrscheinlich sie das Vorliegen von Krankheit H halten, wenn sie nur wüssten, dass Symptom 1 vorhanden ist (ohne Wissen über die anderen Symptome). Die Vpn schätzten, dass in 67% der Fälle Krankheit H vorliegen würde.

 Die objektive Wahrscheinlichkeit beträgt aber genau 0.5. Also nur in 50% der Fälle wäre Krankheit H vorhanden.

 Blockierung

 Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sollen entscheiden, ob der Aktienindex steigen wird oder nicht. Zu diesem Zweck beobachten Sie die Werte von 4 Aktien A, B, C, D, um festzustellen, inwieweit der Anstieg einzelner Werte ein Indikator für den Anstieg des Aktienindexes darstellt.

 Im ersten Monat Ihrer Beobachtungen bemerken Sie folgende Zusammenhänge: Steigt Aktie A im Preis, so steigt der Index insgesamt, steigt B, so steigt der Markt nicht. Die Aktien C & D verändern sich nicht.

 Im zweiten Monat machen sie folgende Beobachtungen:

 - Wenn die Aktien A & C zunehmen (beide steigen immer gemeinsam), so steigt auch der Gesamtindex.

 - Wenn die Aktien B & D anziehen (beide steigen immer gemeinsam), so steigt ebenfalls der Gesamtindex.

 Welche Aktie, C oder D, würden Sie für einen besseren Indikator für den Anstieg des Aktienindexes halten?

 Chapman & Robbins führten dieses Experiment durch und stellten fest, dass ihre Vpn die Aktie D als einen besseren Indikator für den Anstieg des Gesamtindexes ansahen als Aktie C, obwohl - objektiv gesehen - beide Aktien gleichprädiktiv waren. Der Grund für diese unterschiedliche Beurteilung liegt offenbar darin, dass aufgrund der Beobachtungen in der ersten Phase, Aktie A in der zweiten Phase als Hauptindikator für den Marktanstieg gesehen wird. Daher wird C weniger für den Anstieg verantwortlich gemacht. Man könnte sagen, dass der Erwerb eines prädiktiven Wertes von Aktie C (bezüglich des Verhaltens des Gesamtmarktes) durch den hohen vorhandenen prädiktiven Wert von A blockiert wurde.

 Anders im zweiten Fall: B hat sich im ersten Teil als nicht indikativ für einen Indexanstieg erwiesen, daher wurde im zweiten Teil vor allem ein Zusammenhang des Anstieges zwischen Aktie D und dem Gesamtindex konstatiert.

 Interessanterweise wurde ein ähnliches Phänomen im Tierexperiment beobachtet, was darauf hinweist, dass menschliches und tierisches Lernen zum Teil auf gleichen Prinzipien beruhen. (Weitere Ergebnisse zum Konditionieren finden sich im Beitrag Lernen, Gedächtnis & Gehirn

 von Prof. Schultz).

 Beschreibung der Phänomene mit Hilfe eines Neuronalen Netzes

Die oben dargestellten Lernsituationen haben eine Gemeinsamkeit: Eine Person erhält eine Anzahl von Hinweisreizen (Cues), auf Grund derer sie ein Ereignis vorhersagen muss. Es scheint nun so zu sein, dass diese Cues nicht unabhängig voneinander gelernt werden, sondern dass eine Konkurrenz zwischen den Cues besteht: Kann ein Cue das Ereignis sehr gut vorhersagen, so werden die anderen Reize einfach ignoriert. Das Individuum sucht selektiv jene Reize aus der Umwelt, die ihm am besten die Vorhersage von Ereignissen ermöglicht. Bei diesem Auswahlprozess spielt das zuvor Gelernte eine entscheidende Rolle. Und daher ist es auch wesentlich, in welcher Reihenfolge Information aufgenommen wird.

Zur Simulation eignet sich ein Neuronales Netz, das mit Hilfe der Delta-Regel lernt. Dem Netz werden bestimmte Reize als Input vorgegeben und es macht eine «Vorhersage» eines Zielereignisses. Das Netz erhält nach jeder «Antwort» eine Rückmeldung, ob die Antwort

 korrekt war. Lernen findet nur statt, wenn eine falsche Antwort erfolgte (= Fehlergetriebenes Lernen). Der Aufbau des Netzes ist in Abb. I dargestellt.

Warum kann ein derartiger Mechanismus die Phänomene simulieren ?

Um dies zu verstehen, muß man erkennen, wie das Netz den oben beschriebenen Konkurrenzmechanismus realisiert. Zentral hierfür ist, dass das Netz nur Verbindungen zu jenen Inputknoten verstärkt oder abschwächt, die aktiv sind, d.h. der betreffende Cue ist vorhanden. Ist nun in einer ersten Lernphase nur ein Cue vorhanden, sowie ein bestimmtes

 Ereignis, so wird die assoziative Verbindung zwischen dem Cue und dem Ereignis solange gestärkt, bis die Aktivierung des Inputknotens ausreicht, den zugehörigen Outputknoten zu aktivieren. In dieser Phase werden die Verbindungen zu den anderen Inputknoten nicht verändert (da diese nicht aktiv sind).

 Wird nun ein weiterer Inputknoten -zusammen mit dem vorigen - in einen aktiven Zustand gesetzt, d.h. zwei Cues treten in Kombination auf, so werden die Gewichte überhaupt nicht mehr verändert, da kein Fehler auftritt: Der Ereignisknoten wird durch die in der ersten Phase erworbene Verbindung aktiviert.

 D.h. der zuerst gelernte Cue hat die gesamte assoziative Stärke zum vorherzusagenden Ereignis «auf sich gezogen», sodass für den zweiten Cue «nichts mehr übrigbleibt». Aus dem gleichen Grund lernt das Netz Prototypen, da es charakteristische Merkmale sehr schnell mit bestimmten Kategorien assoziiert.

 Warum ignoriert das Netzwerk Basisraten ?

 Das Netz lernt, wie wahrscheinlich ein Symptom ist, wenn eine bestimmte Krankheit vorhanden ist. D.h. es lernt, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Inputknoten aktiv ist, wenn ein Outputknoten eine bestimmte Zielaktivierung hat.

 Um beurteilen zu können, wie wahrscheinlich eine bestimmte Krankheit ist, wenn ein Symptom vorliegt (d.h. dass ein bestimmter Outputknoten aktiv ist, wenn ein Inputknoten aktiv ist), müsste man die Output- als Inputknoten definieren und die Input- als Outputknoten. Man müsste das Netz umdrehen, um diese Situation zu simulieren.

 

 Siegfried Macho

 Doktorassistent am Psychologischen Institut

 

      Literatur

      Chapman, G.B. & Robbins, S .J (1990). Cue interaction in human contingency judgment. Memory & Cognition, 18, 537 -

      545.

      Gluck, M. & Bower, G.H. (1988). From conditioning to category learning: An adaptive network model. Journal of experimental psychology: General 117, 227 - 247.

      

      Abbildung 1 Ein einfaches Neuronales Netz mit vier Input- und

      zwei Outputknoten. Jeder Inputknoten j ist mit jedem

      Outputknoten i mit der Stärke wij verbunden

      Abbildung 2 Das Lernen einer korrekten Klassifikation von

      Mustern mit zwei Merkmalen. Die Linien symbolisieren die

      Verbindungensgewichte zwischen den Knoten des Netzes,

      Sie werden im Lernvorgang so ausgerichter, dass sie genau

      zwischen den beiden Klassen trennen können. Die Zahlen

      symbolisieren den aktuellen Lernduchgang (schematisierte

      Darstellung).

 Universitas Friburgensis mai 93

www.unifr.ch/spc/UF/93mai/kretz,lernen.html

Lernen auf molekularer Ebene

 Lernen ist ein komplexer Vorgang im Zentralnervensystem. Ist für den Lernprozess ein kompliziertes Netzwerk bestehend aus einzelnen Nervenzellen notwendig? Können einfache Lernformen bereits auf der Ebene der Einzelzelle erklärt werden? Welches sind die Mechanismen, die die Übertragungseigenschaften an der Kontaktstelle zwischen zwei Neuronen verändern können? Sind schon einzelne Moleküle bekannt, die beim Lernen eine

 Schlüsselrolle spielen?

 

 Das Studium des Lernens ist ein faszinierendes Forschungsgebiet im Überlappungsbereich zwischen Neurobiologie, also der Wissenschaft vom Gehirn, und der kognitiven Psychologie. Von der Geburt bis zum Tode sind wir auf das Lernen angewiesen. Das Lernen, d.h. der Erwerb neuen Wissens, ist ein fundamentaler Vorgang, durch den der Organismus sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt und in dieser sich behauptet. Das Gedächtnis ist die Fähigkeit, dieses Wissen wieder abzurufen und entsprechend auf schon früher aufgetretene Reizsituationen zu reagieren. Somit gehören Lernen und Gedächtnis zur Individualität eines einzelnen, können aber auch überindividuelle Funktionen ausmachen, die durch kulturelle Inhalte von Generation zu Generation weitergegeben werden. Lernen ist unerlässlich für flexible Verhaltensanpassung und sozialen Fortschritt. Deshalb bedeutet Gedächtnisverlust die Verbindung zu seinem Selbst, seiner Vergangenheit und seiner Umwelt zu verlieren. Das Problem des Gedächtnisverlusts manifestiert sich vor allem bei alten Menschen als Alzheimer-Krankheit.

 Lernen: Untersuchungsmethoden am lebenden Gehirn

 Lernen ist, wie bereits einleitend erwähnt, kausal mit dem Nervensystem, im speziellen mit dem Gehirn, verbunden. Diese interdisziplinäre Wissenschaft, die sich mit allen möglichen Funktionen und Strukturen des Gehirns befasst, heisst Neurobiologie. Der Baustein des Gehirns ist das Neuron oder die Nervenzelle. Die Leistung des Gehirns kann aber nicht einfach als Summe aller Einzelleistungen seiner Neurone erklärt werden, sondern durch die speziellen Interaktionen, die zwischen einzelnen Nervenzellen oder ganzen Nervenzellpopulationen vorkommen. Daraus ist ersichtlich, dass Lernen ein vielschichtiges Problem für die neurobiologische Forschung darstellt und auch erst in den letzten Jahrzehnten durch entsprechende Untersuchungsmethoden wie elektrische Messungen oder Stimulationen während neurochirurgischen Eingriffen bei Epileptikern oder bei Patienten mit einem Hirntumor, oder durch moderne bildgebende Verfahren wie CT, NMR und PET (vgl. Moderne bildgebende Verfahren) untersucht werden konnte. Das niedrigste Niveau stellt das Einzelneuron mit seinen physiologischen und biochemischen Eigenschaften dar. Dem zweiten Niveau entsprechen einfache Schaltkreise und Netzwerke, d.h. einzelne Kontakte zwischen verschiedenen Neuronen (vgl. Beitrag Macho). Das dritte Niveau bezieht sich auf grössere Strukturen, wie Hippocampus, Inferotemporalcortex usw. (vgl. Beitrag Schultz).

 Lernen auf dem Niveau der Einzelzelle

 In meinem Beitrag beschränke ich mich auf das niedrigste Niveau des Lernens, auf das Niveau der Einzelzelle oder des Neurons. In unserem Gehirn haben wir im Durchschnitt ungefähr 100 Milliarden Neurone und ebensoviele oder noch mehr Stütz- oder Gliazellen. Jede Nervenzelle im Gehirn kann bis zu 1000-10000 verschiedene Kontaktstellen, sogenannte Synapsen, mit anderen Nervenzellen bilden. Aus diesen Daten ist ersichtlich, dass wir momentan nur ganz einfache Systeme, wenn überhaupt quantitativ, als Netzwerke erfassen und eventuell verstehen können. Zusätzlich wird die Analyse noch dadurch erschwert, dass einzelne Kontaktstellen nicht immer die gleichen Übertragungseigenschaften aufweisen. Es ist nicht ein Alles-oder-Nichts Phänomen wie bei einem elektrischen Schalter, sondern die einzelnen Synapsen gehen, je nach ihrer Vorgeschichte eine stärkere oder eine schwächere Verbindung, lies Informationsübertragung, mit einer Nachbarzelle ein. Ist das aber nicht schon eine einfache Form von Lernen, wenn sich die Eigenschaften einer synaptischen Verbindung aufgrund ihrer Aktivität verändern? Diese Lernformen werden als einfachste Verhaltensänderungen, die meist auf der Übertragung und der Aktivitätsveränderung von Molekülen beruhen, als molekulare Grundlagen des Lernens bezeichnet. Weil diese Übertragung der Information nicht stur über Zellkontakte geleitet wird, spricht man auch von synaptischer Plastizität.

 Grosse Nervenzellen eignen sich besser für die Analyse

 Die Analyse der synaptischen Plastizität oder die Erforschung der Veränderungen auf dem Niveau der Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen kann nicht an Menschen vorgenommen werden. Der Neurobiologe untersucht entsprechende, dazu speziell geeignete Nervensysteme, wie beispielsweise dezentralisierte Neuronpopulationen bei der kalifornischen Meeresschnecke Aplysia californica. Die Vorteile der Nervenzellen von Aplysia liegen in ihrer Grösse mit einem Durchmesser von 0.03-1.0 Millimeter. Einzelne Neurone können mit feinen Elektroden angestochen werden, um die elektrische Aktivität zu registrieren oder um sie elektrisch zu stimulieren. Mit feinen Pipetten können bestimmte Moleküle in die Zelle injiziert oder die Konzentrationen von bestimmten Ionen mit speziellen Elektroden gemessen werden usw. Ferner zeigt diese Meeresschnecke Verhaltensweisen, die mit den einfachen Verhaltensänderungen wie Gewöhnung oder Sensibilisierung umschrieben werden können und die auch beim Menschen als einfachste Verhaltensformen vorkommen.

 Beispiel: Klassische Konditionierung

 Als Beispiel einfachen Lernens soll die klassische Konditionierung des Kiemenrückziehreflexes der Meereschnecke Aplysia beschrieben werden. Dieser Lerntyp gehört zur Kategorie des assoziativen Lernens: Ein Reiz (bedingter Reiz), der eine spezifische Reaktion nicht oder nur schwach auslöst, wird mit einem anderen Reiz (unbedingter Stimulus), der die Reaktion immer auslöst, assoziiert. Nach erfolgreicher Konditionierung führt der bedingte Reiz allein auch immer zu einer Reaktion. Bei der Konditionierung des Kiemenrückziehreflexes wird bei einer leichten Berührung des Siphons oder des Mantelrandes die Kieme leicht eingezogen. Der Mantel überdeckt die Kieme und der Siphon stellt eine Verbindung zwischen der Kiemenhöhle und dem Meerwasser dar. Die Berührung des Siphons kann als bedingter oder zu konditionierender Stimulus gebraucht werden, während die Berührung des Mantelrandes als Kontrollstimulus dient. Der unbedingte Reiz wird über einen Schmerzreiz durch Klemmen des hinteren Fussteils bewerkstelligt. Je nach Reizsituation kann der bedingte Reiz schon nach wenigen Darbietungen (z.B. 5 Wiederholungen) die Reaktion zuverlässig auslösen: ein Lernprozess, im speziellen klassische Konditionierung hat stattgefunden. Welches sind nun die entscheidenden Veränderungen und wo innerhalb der einzelnen Nervenzellen finden sie statt?

 Die Grundlage für die Wahrnehmung der verschiedenen Stimuli mit entsprechender Reaktion basiert auf einer relativ einfachen Verschaltung zwischen Sinnesnervenzellen und ihren Zielzellen, den Motoneuronen und einzelnen Zwischenneuronen Abb. 1. Ein Zwischenneuron, welches zwischen die Sinnesnervenzelle des hinteren Fussteils und der Sinnesnervenzelle des Mantels oder des Siphons verschaltet ist, wird als modulatorisches Neuron bezeichnet. Bei seiner Aktivierung wird an der Synapse zu den Sinnesnervenzellen von Siphon und Mantel eine Überträgersubstanz, das Serotonin, ausgeschüttet. Das Serotonin bewirkt nun, dass die Sinnesnervenzelle des Siphons unter der Bedingung der klassischen Konditionierung ihren eigenen Überträgerstoff vermehrt ausschüttet. Diese Zunahme von Überträgerstoff führt nun seinerseits zu einer grösseren Aktivität des Motoneurons und deshalb zu heftigeren Abwehrreaktionen der Schnecke.

 Die molekularen Ereignisse des Lernens

 Sind heute schon mehr Details über die klassische Konditionierung beim Kiemenrückziehreflex bekannt? Der Kiemenrückziehreflex ist einer der best analysiertesten neurobiologischen Schaltkreise und kann bereits auf dem Niveau der Moleküle untersucht werden. Solche Moleküle sind die Überträgerstoffe oder die Empfängermoleküle, die mit diesen Überträgersubstanzen eine Interaktion eingehen, oder sekundäre Botenstoffe, die innerhalb der Zelle zu bestimmten Reaktionen führen. Wie oben bereits erwähnt, setzen die modulatorischen Zwischenneurone Serotonin als Überträgerstoff frei, das anschliessend eine Serie von biochemischen Veränderungen einleitet Abb. 2. Das Serotonin bindet sich an die Empfängermoleküle auf der Sinnesnervenzelle. Diese aktivieren ihrerseits das Enzym Adenylatcyclase und setzen dadurch eine molekulare Kaskade in Gang, die letztlich bewirkt, dass die Sinnesnervenzellen an ihrer Synapse zum Motoneuron mehr Überträgerstoff freisetzen. Die aktivierte Adenylatcyclase wandelt nun ATP (Adenosintriphosphat) in cyclisches AMP (Adenosinmonophosphat) um. Das cyclische AMP wirkt in der Zelle als sekundärer Botenstoff und aktiviert seinerseits eine Proteinkinase, ein Enzym, das anderen Proteinen eine Phosphatgruppe überträgt und sie dadurch aktiviert oder inaktiviert. Im Falle des Kiemenrückziehreflexes phosphoryliert die Proteinkinase die Kaliumkanäle in der Zellmembran oder Proteine, die mit diesen Kanälen in enger Wechselwirkung stehen. Dadurch werden die Kanaleigenschaften verändert, d.h. es erfolgt eine Reduktion von normalerweise aus der Zelle ausströmenden Kalium-Ionen. Dadurch wird aber die Länge eines elektrischen Zellsignals, des Aktionspotentials, das bei der Aktivität der Zelle generiert wird grösser was wiederum zur Folge hat, dass jetzt Kalziumkanäle länger geöffnet bleiben. Ein erhöhter Einstrom von Kalzium-Ionen hat verschiedene Funktionen: 1.) Kalzium-Ionen sind direkt für die Ausschüttung von Überträgerstoff verantwortlich. 2.) Kalzium-Ionen bewirken über das Zwischenmolekül Calmodulin eine Verstärkung der durch Serotonin bereits aktivierten Adenylatcyclase, und demzufolge mehr cyclisches AMP mit den beschriebenen Konsequenzen. Die Adenylatcyclase ist also für die aktivitätsabhängige Bahnung beim Kiemenrückziehreflex der Meeresschnecke Aplysia ein Schlüsselmolekül, weil sich an diesem Enzym zwei unterschiedliche Signale - Kalzium-Ionen und Serotonin - auswirken. Dadurch laufen die vom bedingten und vom unbedingten Reiz ausgelösten molekularen Reaktionen dank einem spezifischen Timing in der Zelle zusammen. Die so aktivitätsabhängige Verstärkung des cyclischen AMP mit seinen Folgereaktionen ist nicht nur für Aplysia Nervenzellen spezifisch. Einen ähnlichen molekularen Mechanismus für die Konditionierung ist auch bei der Taufliege Drosophila, dem klassischen Untersuchungsobjekt der Genetik, nachgewiesen worden.

 Erste Schritte zur neurobiologischen Analyse des Lernens?

 Können durch solche molekularen Mechanismen einfache Lernformen erklärt werden? Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die lernfähige neuronale Netzwerke analysiert, kommt zu der Ansicht, dass Nervenzellen gewissermassen über ein Alphabet zum Lernen verfügen dürften, d.h. über einfache Mechanismen, aus denen sich durch Kombination oder Weiterentwicklung komplexere Lernformen ergeben könnten. Diese reduktionistische Perspektive basiert auf der Feststellung, dass assoziative synaptische Veränderungen anscheinend keine komplexen neuronalen Netzwerke erfordern, und deshalb solche Lernformen eine direkte Entsprechung in den Eigenschaften von Nervenzellen haben könnten. Natürlich dürfen wir komplexere Mechanismen für bestimmte Lernformen nicht ausschliessen und die Plastizität der Nervenzellen nicht unterschätzen, die sich in der dauernden Wechselwirkung mit der Umwelt ergeben. Durch die verschiedenen Erregungen aus den Sinnesorganen werden die Nervenzellen nicht nur molekularbiologisch verändert, sondern auch das Auswachsen und Reduzieren ihrer Fortsätze und der Auf- und Abbau von Kontaktstellen, den Synapsen, können die funktionellen Eigenschaften wesentlich mitbestimmen.

 

 Prof. Robert Kretz

 Anatomisches Institut

 

      Literatur

      1 Kandel, E.R. (1976) Cellular Basis of Behavior. Freeman and Company.

      2 Kandel, E.R. (1978) A cell-biological approach to learning.

      Grass Lecture. Society for Neuroscience U.S.A.

      3 Verschiedene Autoren (1992) Gehirn und Geist. Spektrum der Wissenschaft 11.

      

      Abb. 1 Verschaltungsdiagramm der Nervenzellen, die bei der klassischen Konditionierung des Kiemenrückziehreflexes der Meeresschnecke Aplysia eine Rolle spielen. Die Sinneszellen des Mantels und des Siphons bilden direkte Kontaktstellen mit dem Motoneuron. Die Sinneszelle des hinteren Fussteils ist über ein modulatorisches Zwischenneuron in das Netzwerk eingeschaltet.

      Abb. 2 Schema der Endigung und Kontaktstelle der Sinneszelle des Siphons. Die molekularen Prozesse, die der klassischen Konditionierung zugrunde liegen, sind eingezeichnet. Das vom modulatorischen Zwischenneuron freigesetzte Serotonin geht eine Interaktion mit dem Serotoninrezeptor der Sinneszelle ein. Für weitere Erklärungen siehe Text.

       

      Encart:

      Moderne bildgebende Verfahren

      Was bedeutet CT, NMR und PET? Gehören diese Ausdrücke der neuen nicht-invasiven Diagnosetechniken schon bald zum

      alltäglichen Vokabular? Seit ungefähr 10 Jahren werden mit drei neuartigen nicht invasiven Verfahren Schnittbilder, «Tomographien», durch

      den menschlichen Körper hergestellt. Diese Schnittbilder werden mit einem Computer berechnet und auf einem Bildschirm sichtbar gemacht. Das älteste Verfahren ist die Computer-Tomographie (CT). Sie beruht auf der  unterschiedlichen Absorption biologischer Strukturen       (Knochen, Muskeln, und andere Gewebetypen) von Röntgenstrahlen. Das zweite Verfahren, die Kernspin-Tomographie (NMR «nuclear magnetic resonance») arbeitet mit starken Magnetfeldern. Dabei werden die Drehachsen der Wasserstoffatomkerne, zu vergleichen mit       Kompassnadeln, zuerst gleich ausgerichtet. Mit einem speziellen Radioimpuls werden anschliessend die vom Magnetfeld ausgerichteten Wasserstoffatomkerne gestört. Nach diesem Störpuls schwenken die Drehachsen unter Abstrahlung von Radiowellen wieder in ihre ursprüngliche  Position zurück. Der Computer berechnet aufgrund dieser Radiowellen Schnittbilder mit einem erstaunlichen Kontrast, speziell für verschiedene «weiche» Gewebetypen. Das neueste Verfahren heisst Positronen-Emissions-Tomographie (PET). Dieses Verfahren ist vor allem für die Erforschung des Gehirns von grösster Bedeutung, weil nicht nur die Struktur, sondern auch die Funktion, d.h. physiologische und biochemische Aktivitäten abgebildet werden können. Dabei wird der Kopf des Patienten in einem Gammastrahlen-Detektorring positioniert.    Kurzlebige radioaktive Substanzen können in die Armvene gespritzt oder über eine Atemmaske eingeatmet werden. Diese Substanzen gelangen nun über die Blutbahn auch ins Gehirn, wo sie entsprechend der spezifischen Aktivität verschiedener Hirnteile metabolisiert werden. Beim adioaktiven Zerfall werden Positronen (positiv geladene Teilchen) frei, die mit Elektronen (negativ geladene Teilchen) kollidieren und dabei Gammastrahlen aussenden Abb.A. Diese Gammastrahlen werden mit dem Detektorring registriert und mit dem Computer zu farbigen Schnittbildern verarbeitet.

      Die Stärke dieser Verfahren liegt eindeutig in der nicht-invasiven Technik, d.h. ohne chirurgische Eingriffe. Ein Handikap dieser Verfahren ist die immer noch relativ grobe räumliche und zeitliche Auflösung. Dazu kommen die hohen Kosten für die Apparate und das technische Personal.

      

      Abb. A PET-Aufnahmen aus dem Labor von M. Raichle. Beim Sehen von Wörtern (A) ist vor allem die erhöhte Hirnaktivität -

      je heller desto aktiver- im Hinterhauptslappen (HL) sichtbar.

      Das Generieren von Wörtern (B) zeigt ein Aktivitätsmaximum

      im Frontallappen (FL). Diese Region wird auch als

      Broca'sches Sprachzentrum bezeichnet. Mit Hilfe der

      Lateralansicht des Gehirns (C) können die zwei

      Hirnaktivitäten, wie sie auch während eines Lernvorgangs

      stattfinden könnten, eindeutig bestimmten Hirnregionen

      zugeordnet werden. Das Prinzip der

      Positronen-Emissions-Tomographie (D) zeigt den

      Gammastrahlen-Detektorring (GSD) mit dem darin

      positionierten Kopf des Patienten.

  Universitas Friburgensis mai 93

 "The Decade of the Brain"

 Im Jahre 1990 hat der amerikanische Kongress auf Initiative von

 Hirnforschern das Jahrzehnt des Gehirns deklariert. Damit engagieren

 sich die politischen Instanzen für eine verstärkte Forschung auf dem

 Gebiet der Neurobiologie. Dem Beispiel der USA ist letztes Jahr die

 Europäische Gemeinschaft gefolgt; vor kurzem (auf Initiative der

 Schweizerischen Gesellschaft für Biologische Psychiatrie) auch die

 Schweiz. Als Forscher müssen wir uns einen gesunden Optimismus

 bewahren und alles daran tun, die hervorragenden wissenschaftlichen

 Entdeckungen und technischen Fortschritte konstruktiv und mit viel

 Verantwortung für die Linderung des menschlichen Leidens einzusetzen,

 das heute ganz besonders durch menschliches Fehlverhalten geprägt ist.

 Der Mensch als er selbst und als  Objekt der Wissenschaft

 Das Wissen über das Nervensystem beeinflusst das Leben von

 uns allen in immer stärkerem Masse. Die neurobiologischen

 Erkenntnisse werden zum Massstab für künftige Technologien.

 Sie werden aber auch - und das ist wahrscheinlich sehr viel

 bedeutsamer - zum Massstab unseres Selbstverständnisses und

 unserer Weltinterpretation.

 

 Es gibt bereits ernsthafte und bedeutende Wissenschaftler, die den

 Standpunkt vertreten, dass wir künftig aus den Strategien des

 Nervensystems lernen können, wie wir ein den Realitäten angepasstes

 Welt- und Selbstverständnis entwickeln sollen. Theologie, Philosophie

 und Ethik werden dann nicht mehr das Mass für das rechte Handeln

 setzen, sondern werden es selbst von der Kenntnis des Gehirns her

 empfangen. Diese weitgespannten Erwartungen beeinflussen mehr und

 mehr nicht nur die Ueberzeugungen der Forscher, sondern auch der

 Oeffentlichkeit.

 Der Weg zum neurobiologischen Monismus

 Das sich entwickelnde wie auch das schon gereifte, aber immer noch

 lernfähige Nervensystem lässt sich als ein Prozess der

 Selbstorganisation beschreiben. Die Selbstorganisation vollzieht sich in

 der frühesten Entwicklungsphase autonom. Je weiter die Entwicklung

 fortschreitet, desto bedeutsamer wird die Interaktion mit der Umwelt. Die

 Reifungs- und Anpassungsprozesse des Nervensystems sind die

 notwendigen Voraussetzungen für die Reifung der mentalen Fähigkeiten.

 Da man dies bereits für viele Entwicklungsvorgänge nachweisen kann,

 wird man sich nicht mehr damit begnügen, nur die biologischen

 Voraussetzungen unseres Wahrnehmens und unsere mentalen

 Fähigkeiten zu benennen, sondern relativ leicht zu der Behauptung

 fortschreiten, unserer mentalen Fähigkeiten seien nichts anderes als die

 Manifestation der Eigenschaften des sich entwickelnden Gehirns. Damit

 wäre man endlich die Sorge los, wo und wie man jene Realität

 unterbringen könnte, die man gemeinhin als Seele oder Geist bezeichnet.

 Man hätte nur noch eine Realität, nämlich die des Nervensystems, eine

 Auffassung, die man als Monismus bezeichnet.

 In seiner naiven Form ist der neurobiologische Monismus materialistisch.

 Wenn nämlich die neurobiologischen Elemente wie Neuronen,

 Ueberträgersubstanzen zwischen Neuronen oder Steuerung der

 genetischen Expression selbst rein materieller Natur sind, ist man

 versucht, das Gehirn und die in ihm ablaufenden Prozesse als rein

 materielle Gegebenheiten anzusehen. Die mentalen Akte lassen sich, so

 meint man, auf diese Gegebenheiten reduzieren.

 Diese Argumente mögen im ersten Hinblick schlüssig scheinen; bei

 genauerem Zusehen erweisen sie sich als wenig reflektiert. Sämtliche

 Wirklichkeiten der so mannigfaltigen Erfahrungswelt werden auf das

 materielle Niveau reduziert. Mario Bunge hat deshalb versucht, diesen

 reduktionistischen Monismus durch einen systemtheoretischen Ansatz zu

 überwinden. Man dürfe das Gehirn nicht einfach nur als eine Summe von

 Elementen oder Bestandteilen ansehen. Die neuronalen Elemente sind in

 spezifischer Weise zu einem System verknüpft. Durch ihre Verknüpfung

 im System werden Eigenschaften erreicht, die weit mächtiger sind, als

 die Summeneigenschaften der Elemente. Diese Eigenschaften

 erscheinen uns als das, was wir gewöhnlicherweise mit Prädikaten wie

 mental, psychisch oder geistig versehen. Die neuen oder «mentalen»

 Eigenschaften tauchen gleichsam aus dem Niveau des bloss Materiellen

 auf. Die Theorie, welche die Entfaltung von neuen Eigenschaften

 materieller Elemente im System beschreibt, bezeichnet Bunge als

 Emergentismus. Weil aber die Elemente selbst rein materieller Natur

 sind, bleibt der Emergentismus nach Bunge notwendigerweise

 materialistisch.

 Der Dualismus verteidigt Freiheit und Würde des Menschen

 Der neurobiologische Monismus ist in jeder seiner Formen

 reduktionistisch. Der Ansatz von Bunge gibt den mentalen Wirklichkeiten

 zwar vorübergehend eine gewisse Eigenständigkeit. Letztlich werden die

 mentalen Wirklichkeiten aber doch wieder auf materielle Elemente

 zurückgeführt. Dieser Reduktionismus hat zurecht entschiedene Kritiker

 auf den Plan gerufen. Zu diesen Kritikern gehört vor allem John Eccles,

 Ehrendoktor unserer Math.-Naturwissenschaftlichen Fakultät.

 Die menschliche Grunderfahrung ist nach Eccles die Erfahrung der

 Freiheit. Selbst wenn die Freiheitserfahrung nachträglich als Illusion

 interpretiert wird, so ändert dies nichts an der Tatsache, dass wir uns frei

 fühlen. Auf der einen Seite steht also die Grundgewissheit der Freiheit,

 auf der anderen Seite die materielle Wirklichkeit des Gehirns, das den

 deterministischen Gesetzen der Natur gehorcht. So scheint es

 offenkundig zu sein, dass es zwei verschiedene Substanzen gibt, nämlich

 Geist und Gehirn. Wegen der Möglichkeit freier Handlungen in der

 physischen Welt ist aber zu fordern, dass die beiden Substanzen

 miteinander in Wechselbeziehung stehen. Eccles postuliert eine

 Verbindungsstruktur, über welche beide Substanzen miteinander in

 Beziehung treten. Sie soll sich in bestimmten kortikalen Gebieten des

 Grosshirns befinden und spezifische kortikale Module enthalten, die offen

 seien für die Interaktion mit dem Geist.

 Der interaktionistische Dualismus wurde jedoch heftig kritisiert, weil er

 die Erhaltungssätze der Physik verletzt. Eine immaterielle Substanz kann

 in einer materiellen Substanz nur dann Wirkungen hervorbringen, wenn es

 zu einem Energie-Transfer kommt. Damit wäre aber das Prinzip von der

 Erhaltung der Energie umgestossen. Um diesen Einwand zu vermeiden,

 hat Eccles in den letzten Jahren eine quantenmechanische

 Betrachtungsweise eingeführt. Auf der Ebene der Quantenmechanik soll

 eine Interaktion zwischen Geist und Gehirn ohne Energiebedarf möglich

 sein.

 Ist das Problem richtig gestellt?

 Die Debatte um Leib und Seele oder Gehirn und Geist und um ihr

 gegenseitiges Verhältnis entzündet sich daran, dass Gehirn und Geist

 von vornherein als zwei verschiedene Substanzen angesehen werden,

 und zwar von Monisten wie von Dualisten. Die Monisten versuchen das

 Problem zu lösen, indem sie den Geist auf das materielle Gehirn

 reduzieren. Die Dualisten möchten diese beiden Wirklichkeiten bestehen

 lassen, so wie sie sind. Sie haben dann das Problem zu lösen, wie diese

 beiden Substanzen auf einander einwirken und wie aus dieser Interaktion

 kohärente Leistungen hervorgehen können.

 Die Wirklichkeit von Seele oder Geist kommt besonders im «Ich» zum

 Vorschein. Das «Ich denke» ist die letzte Einheit des

 Erkenntnisprozesses, weil es alle meine Vorstellungen begleiten können

 muss. Kant hat es als das transzendentale Subjekt bezeichnet. Nun wird

 aber spätestens seit dem «Cogito, ergo sum» des Descartes der Fehler

 gemacht, dieses Subjekt für eine Substanz zu halten. Das ist nach Kant

 ein Fehlschluss. Das «Ich» im «Ich denke» ist zwar letzte Bedingung der

 Möglichkeit aller Erkenntnis und Grund aller Kategorien, es ist aber

 niemals ein Gegenstand der sinnlichen Erfahrung. Daher ist es falsch, auf

 dieses Ich die Kategorien des Verstandes anzuwenden, d.h. es als eine

 Substanz zu bezeichnen. Husserl kam mit seiner phänomenologischen

 Methode zu demselben Ergebnis. Für Max Planck ist das Leib-Seele

 Problem ebenfalls ein Scheinproblem, weil es aus der Vermischung

 zweier unterschiedlicher Betrachtungsweisen entspringt, nämlich dem

 Selbstbewusstsein einerseits und der Betrachtung der körperlichen

 Vorgänge in der Umwelt andererseits.

 Ein Kategorienfehler

 Der jahrtausende alte Streit um das Leib-Seele Problem, der bis in die

 griechische Philosophie zurückreicht, lässt den Verdacht aufkommen,

 dass dieses Problem metaphysisch nicht lösbar ist. Es scheint deshalb

 sinnvoll, die Kantische Frage wieder aufzunehmen: Wie ist Erkenntnis von

 Gegenständen apriori möglich? Wie können wir von Leib und Seele

 wissen? Diese Frage kann dahingehend erweitert werden, dass wir uns

 auf den Entwurf von Wissenschaft überhaupt besinnen. Auch die

 Neurobiologie ist unser Entwurf. Sie bedient sich einer ganz bestimmten

 Methode und entwickelt ihr eigenes Begriffssystem, um die Objekte ihrer

 Beobachtung und Messung kohärent zu beschreiben.

 Jede Einzelwissenschaft bleibt nur innerhalb ihres Begriffssystems mit

 sich selbst konsistent. In der Diskussion um das Leib-Seele Verhältnis

 werden aber ständig Begriffe wie Freiheit, Bewusstsein, Ich und

 Erkenntnis gebraucht. Diese Begriffe haben ihren Ursprung nicht in der

 Neurobiologie, sondern in unserer «ursprünglichen Lebenswelt»

 (Husserl). Als solche und in ihrem so gegebenen Sinngehalt kommen sie

 in der Neurobiologie nicht vor. Werden sie dennoch im Kontext der

 Neurobiologie gebraucht, dann muss man dieses Vorgehen mit dem

 englischen Philosophen Ryle als Kategorienfehler bezeichnen.

 Petitio principii oder Zirkelschluss

 Wir sagten, Wissenschaft sei unser Entwurf. Nun behaupten aber viele

 neurobiologische Monisten, man könne mit den Ergebnissen der

 Neurobiologie, also einer von uns entworfenen Einzelwissenschaft, unser

 ganzes Menschsein verstehen und erklären. Diese Behauptung erweist

 sich selbst als Zirkelschluss. Wir erfinden und entwerfen Begriffe wie

 Materie, Evolution und Gehirn, vergessen die Tatsache unseres

 Entwerfens und wollen uns schliesslich von diesem Entwurf her selbst

 verstehen. Der Versuch, uns selbst zu erklären mittels der von uns

 entworfenen Einzelwissenschaft, kommt einer Petitio principii gleich, d.h.

 das zu Erklärende wird selbst zur Voraussetzung des Erklärens.

 Notwendige und hinreichende Bedingungen

 Nun bleibt aber unabweisbar, dass Bewusstsein und mentale Akte

 offenbar nicht möglich sind, wenn sich bestimmte Strukturen und

 Funktionen des Nervensystems noch nicht entwickelt haben. Wir haben

 deshalb den Schluss gezogen, dass die Selbstorganisation des

 Nervensystems die notwendige Voraussetzung für unsere mentalen Akte

 sei. Trotzdem ist die Kenntnis der neuronalen Prozesse nicht hinreichend,

 um aus ihnen den Inhalt und den Sinn der mentalen Akte herzuleiten.

 Einheit in der ursprünglichen Lebenswelt

 Gibt es nun überhaupt noch einen Ausweg aus dem Dilemma der

 Reduktionismen, Zirkelschlüsse und Kategorienfehler? Es gibt Auswege.

 Die Philosophie hat in ihrer langen Denkgeschichte auch

 nicht-dualistische Lösungen vorgelegt, ohne dem monistischen

 Reduktionismus zu verfallen. Schon Aristoteles zeigte, dass Körper und

 Seele nicht befähigt sind zu je für sich unabhängiger Existenz. Vielmehr

 existiert der Mensch wie jedes andere Seiende aus zwei Prinzipien,

 nämlich der ersten Materie und der Form, welche die Materie zu einem

 Leib organisiert, ihn bewegt und erhält. Die aristotelische Lehre wurde

 von Thomas von Aquin kongenial weitergeführt. Kant hat, wie schon

 gezeigt, den Fehlschluss aufgezeigt, der aus der Vorstellung des Ich als

 Substanz resultiert. Er - wie nach ihm Husserl - führt zum transzendentalen

 Subjekt, welches die Einheit aller Akte der Wahrnehmung, des

 Bewusstseins und des Handelns gewährleistet. Heidegger versteht den

 Menschen nicht als Leib und Seele, sondern als Existenz.

 Metaphysische Enthaltung und Rekonstruktion des Entwurfs von

 Wissenschaft

 Da die Debatte um das Leib-Seele Problem von falschen

 metaphysischen Voraussetzungen ausgeht, scheint es als erstes

 geboten, wenigstens vorläufig auf metaphysische Aussagen zu verzichten

 oder metaphysische Enthaltung (Epoché von Husserl) zu üben. Sodann

 sollten wir versuchen, den Entwurf von Wissenschaft zu rekonstruieren.

 Offensichtlich entsteht das Problem erst dadurch, dass wir die Welt und

 uns selbst vergegenständlichen. Durch diese Vergegenständlichung

 schaffen wir die Dualität des Hinblickens, nämlich einmal in der Weise

 der unmittelbaren Selbsterfahrung und zum anderen in der Weise eines

 Gegenstandes, an dem wir beobachten, messen und

 Gesetzmässigkeiten ausfindig machen können. Wenn dieser Prozess der

 Vergegenständlichung nicht mehr gewusst wird, entsteht der Eindruck, wir

 stünden auch objektiv gesehen unter der unaufhebbaren Dualität von

 Selbstsein und Gegenständlichkeit.

 Bei der Rekonstruktion unseres Entwurfs von Wissenschaft erreichen wir

 zweierlei, nämlich erstens eine grundsätzliche Einheit der Weltsicht, die

 durch den Prozess des Entwerfens gegeben ist, zweitens erreichen wir

 den Boden, von dem her wir Wissenschaft entworfen haben. Dieser

 Boden ist unsere ursprüngliche Lebenswelt.

 Wie lässt sich also das Problem lösen?

 Im Hinblick der Neurowissenschaft verstehen wir uns als Gehirn, im

 Hinblick des ursprünglichen Selbstverständnisses aber als ein Ich oder

 Selbst, das in der Gemeinschaft anderer Personen, im Raum der

 Interpersonalität lebt. Das Erwachen des Bewusstseins ist nicht eine

 Funktion des sich entwickelnden Nervensystems, sondern eine

 ursprüngliche Erfahrung. In dem Masse, in dem wir zum Bewusstsein

 erwachen, entwickeln wir uns auch als Nervensystem. Das Erwachen des

 Bewusstseins vollzieht sich in unserer Selbsterfahrung; von der

 Selbstorganisation des Nervensystems wissen wir, wenn wir uns

 vergegenständlichen und uns selbst unter dem Formalobjekt der

 Neurobiologie anschauen.

 Damit haben wir eigentlich alles, was wir brauchen. Die metaphysische

 Enthaltung, die wir vorübergehend geübt haben, können wir dauerhaft

 beibehalten, ohne etwas zu verlieren. Zugleich haben wir uns gelöst von

 dem «objektivistischen Ideal», das Husserl als Hauptgrund für die Krisis

 der modernen Wissenschaft angesehen hat. Unser Bemühen um das

 Verständnis von Welt und Selbst ist wieder eingebunden in den Ursprung,

 von woher wir Wissenschaft allererst entwerfen.

 Entwertet diese Erkenntnis die Wissenschaft vom Nervensystem?

 Beraubt sie uns der nötigen Begeisterung? Keineswegs. Aus der

 kritischen Distanz und aus dem Bewusstsein der Einheit unseres

 Entwurfs ermöglicht sie uns erst eigentlich schöpferisches Handeln.

 

 Günter Rager

 Anatomisches Institut

 Universitas Friburgensis mai 93