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Der Beitrag des Seniorenstudiums zur Neubestimmung ehrenamtlicher Tätigkeiten von älteren Frauen


Unsere Fragestellung war auf die Neuorientierung des Ehrenamts auf der Basis von Studienerfahrungen im höheren Lebensalter gerichtet. Bisherige Untersuchungen zum Ehrenamt differenzieren selten nach Geschlecht.
Auf der Basis einer breiten, zunächst 'geschlechtsneutralen' begrifflich-theoretischen Diskussion wurden einschlägige empirische Untersuchungen zum Ehrenamt dargestellt. Die in der Literatur auszumachenden Definitionen lassen sich in vier Kategorien einteilen: Kriterienkataloge, zweckgebundene Minimaldefinitionen, Negativabgrenzungen und Typologisierungsversuche. Die quantitativen Untersuchungen zum Ehrenamt, die geschlechtsspezifische Daten ausweisen, belegen eine geschlechtliche Differenzierung des ehrenamtlichen Engagements. Frauen erscheinen danach gehäuft in dienenden Funktionen im sozialen Bereich, Männer in leitenden Funktionen mit mehr Außenwirkung. Die feministischen Primäranalysen über ehrenamtliches Engagement von älteren Frauen arbeiten qualitativ mit narrativen Interviews. Wenn in diesen Untersuchungen die geschlechtliche Differenz zwischen typisch hausarbeitsnahen ehrenamtlichen Tätigkeiten der Frauen und berufsarbeitsnahen Tätigkeiten der Männer wiederholt betont wird, so birgt das zweierlei Gefahren. Einerseits werden geschlechtshierarchische Differenzen fest geschrieben mit der Gefahr der Reifizierung, andererseits wird mit der impliziten Abwertung des sozialen Bereichs gesellschaftlicher Tätigkeiten das geschlechtshierarchische Gefälle zwischen Sozialem und Politischem erneut fixiert. Zudem wird die Verallgemeinerungsfähigkeit qualitativer Ergebnisse häufig bezweifelt. das zweierlei Gefahren. Einerseits werden geschlechtshierarchische Differenzen fest geschrieben mit der Gefahr der Reifizierung, andererseits wird mit der impliziten Abwertung des sozialen Bereichs gesellschaftlicher Tätigkeiten das geschlechtshierarchische Gefälle zwischen Sozialem und Politischem erneut fixiert. Zudem wird die Verallgemeinerungsfähigkeit qualitativer Ergebnisse häufig bezweifelt.
In unserer quantitativen Erhebung konnten wir auf Ergebnissen einer eigenen vorgeschalteten qualitativen Studie über ältere Frauen im SeniorInnenstudium aufbauen (vgl. Arndt/Bopp-Schmehl/Sagebiel 1997). In unserem Sample aller Seniorenstudierender in Wuppertal von 1987 bis 1998 sind 2/3 Frauen; das entspricht auch der Geschlechterrelation, die über Jahre bei den Studierenden im SeniorInnenstudium beobachtet werden konnte. Der Familienstand der Frauen unterscheidet sich deutlich von dem der Männer. Sie sind zu 45 % verheiratet, während 90 % der Männer verheiratet sind. Mittlere Schulbildung dominiert bei den Frauen (40 %), die höhere bei den Männern. Entsprechend der Schulbildung und den gesellschaftlichen Rollenvorgaben - männlicher Familienernährer, weibliche Hausfrau und Mutter - differiert die Erwerbsbiographie und die Familientätigkeit in den untersuchten Alterskohorten. Es gibt keinen Hausmann in unserem Sample, aber 60 % der Frauen waren für eine gewisse Zeit nur Hausfrau und Mutter, von denen 34 % nicht mehr in den Beruf zurückgekehrt sind. Nur 36 % der Frauen haben wie die Männer eine Lebenserwerbszeit von über 30 Jahren.
Noch heute wirken sich die Geschlechtsrollenunterschiede auf die Studierpraxis im SeniorInnenstudium aus. Frauen geben an, mehr Zeit in das Studium zu investieren, größere Schwierigkeiten beim Erstellen schriftlicher Arbeiten zu haben, aber sie erbringen dennoch in einem höheren Prozentsatz schriftliche Studienleistungen. Sie nutzen das Studium in stärkerem Maße, um gesellschaftliche Zusammenhänge zu erkennen und sich persönlich weiter zu entwickeln. Frauen und Männer unterscheiden sich kaum bezüglich der Fächerwahl - in Wuppertal dominieren die Fächer Soziologie, Geschichte, Politikwissenschaft -, aber die Frauen setzen sich mehr mit den eigenen Lebensbezügen auseinander.
Auch die Studienhindernisse sind geschlechtlich differenziert: Ehrenamtliche Tätigkeiten halten die Männer vom Studium ab, Pflege naher Angehöriger die Frauen. Ein nicht zu unterschätzendes Hindernis der nicht allein lebenden Frauen sind ihre Partner, nebst ihren Freunden, die den mit dem Studium einhergehenden Rollenwechsel mit Skepsis sehen. Das verhält sich anders bei den Männern, die angeben, durch ihre Partnerinnen im Studium eher unterstützt zu werden.
Entsprechend der hohen Investitionen der Frauen in ihr Studium steigt mit dem Erfahren eigener Leistungsfähigkeit ihr Selbstbewußtsein, aber sie nennen auch gleichzeitig gestiegene Konflikte mit Bezugspersonen. In diesem Zusammenhang ist von Belang, daß ältere studierende Frauen in stärkerem Ausmaß als Männer mit traditionellen Bildern des Alter(n)s brechen.
Dennoch gibt es auch positive Reaktionen im sozialen Umfeld der Frauen. Die Seniorenstudentinnen berichten, daß sie als Gesprächspartnerin und Ratgeberin stärker gefragt sind.
Auswirkungen des Studiums, die im Zusammenhang mit ehrenamtlichen Kompetenzen von Belang sind, sind in den Dimensionen der Veränderungen der Frauen zu sehen - Männer geben weniger Veränderungen an -: Einstellungen, Kontakte, Zeiteinteilung, selbstbewußtes Auftreten.

Der zweite Teil des Berichts befaßt sich mit dem empirischen Teil der Fragen zum Ehrenamt. Er beginnt mit Ausführungen zu drei Dimensionen potentieller Neubestimmung des Ehrenamts: dem Altersbild, dem Wertewandel und der Wissenschaftlichkeit bei den Seniorenstudierenden. Frauen erleben das Alter gleichzeitig als Herausforderung und Anstrengung. In ihrer stärkeren Betroffenheit durch Verlust- und Krisenerlebnisse und im Bewußtsein, sich in einer kritischen Lebensphase zu befinden, nutzen sie das SeniorInnenstudium zur Problemlösung, und zwar besonders zur Unterstützung ihrer Selbstdisziplin und als Möglichkeit der Kommunikation. Die Frage, ob ein sogenannter Wertewandel auch bei den Älteren festzustellen sei, mit der möglichen Folge eines veränderten Engagements im Ehrenamt, wurde indirekt über Fragen und Items zur gesellschaftlichen Entwicklung erfragt. Die Ergebnisse zeigen, daß bei den älteren Seniorstudentinnen vor dem Hintergrund ihrer lebenslangen dominanten 'Mütterlichkeit' und 'Fürsorge für andere' noch eine Tendenz zur Ehrenamtlichkeit im alten Sinne zu finden ist. Auf der anderen Seite praktizieren die Seniorstudentinnen mit ihrem hohen Engagement im Studium einen Lebensstil, der ihre allseitige Verfügbarkeit beschränkt. Sie zeigen Flexibilität, Risikobereitschaft und Selbstbewußtsein, das ihren aufgeklärten Altersselbst- und -fremdbildern entspricht. Als Folge sozialwissenschaftlicher Kompetenzentwicklung erleben die Seniorstudentinnen bei sich ein gestiegenes Politikinteresse und größere Fähigkeiten zur Selbstreflexion und Toleranz. Ein positives Altersbild, Wertewandel in Richtung gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen zur Selbstentfaltung und gestiegenes Reflexionsvermögen der im Studium vermittelten Wissenschaftlichkeit vermitteln insbesondere den Frauen im SeniorInnenstudium Potentiale zur Neubestimmung des Ehrenamts.
Gleichzeitig verfügen unsere Seniorenstudierenden mit 62 % überdurchschnittlich häufig über Ehrenamtserfahrungen im Vergleich zu Ergebnissen anderer Untersuchungen über das ehrenamtliche Engagement der Deutschen. Die Erfahrungen wurden in 4 Kategorien klassifiziert: Soziales Ehrenamt, Politisches Ehrenamt, Kulturelles Ehrenamt und Bürgerschaftliches Ehrenamt. Da die Zuordnung von Praxisfeldern zu den Kategorien nicht immer so eindeutig war, wurden einige Praxisfelder doppelt zugeordnet.
Die Ergebnisse zu den Ehrenamtserfahrungen und Einstellungsänderungen infolge des SeniorInnenstudiums belegen einerseits eine weit überpropotional hohe Beteiligung an ehrenamtlicher Arbeit, aber auch - bei einer qualifizierten Minderheit der Frauen einen Einstellungswandel in Richtung Kritik bis Ablehnung von sogenannten weiblichen Tätigkeiten bis zu totaler Verneinung (insgesamt 54 Nennungen gegenüber 43), deren Einstellung sich nicht geändert hat.
Die zurückliegenden Erfahrungen spiegeln noch die traditionelle Rollenverteilung. 80 % der im Sozialen Ehrenamt Tätigen sind Frauen, die gleichzeitig im politischen Ehrenamt noch unterproportional vertreten sind. Betrachtet man jedoch die Motivation unter der Hypothese des Strukturwandels des Ehrenamts, so zeigt sich bereits eine Trendwende weg vom bloßen Altruismus. Die von Frauen genannten Motive sind bereits etwas stärker der Kategorie 'Selbstverwirklichung' zuzuordnen (91 Nennungen), traditionelle Motivbündel werden bereits weniger häufig genannt (87 Nennungen). Bei der Kontrollgruppe der Männer verhält es sich umgekehrt. Ihre Motive sind stärker der Kategorie 'Das Selbst instrumentalisiert auf das Ehrenamt' (45 Nennungen) als der Kategorie 'Das Ehrenamt instrumentalisiert auf Selbstverwirklichung' zuzuordnen (28 Nennungen).
Zufriedenheit im Ehrenamt ist eher ein Merkmal der männlichen Seniorenstudierenden. Frauen geben als differenzierte negative Erfahrungen die Beeinträchtigung von Kooperation, Kommunikation und Koordination an und wünschen sich größeren Gestaltungsspielraum. Auf der Basis des SeniorInnenstudiums ziehen sie einerseits reflexiv Konsequenzen und einige verändern auch ihr Verhalten (8) und ihre Kooperationsbeziehungen (34). Dieses Ergebnis zeigt deutlich, daß sich die Organisation und das Angebot ehrenamtlicher Tätigkeiten für Frauen ändern müßte, um langfristig Rekrutierungsprobleme zu lösen.
Die gesellschaftspolitische Einstellung der Seniorenstudierenden zum Ehrenamt ist demgegenüber differenziert zu beurteilen. Allgemein gefragt wird das Ehrenamt als positives Element des gesellschaftlichen Zusammenhangs, einer aktiven Demokratie, einer humanen Gesellschaft gesehen, und dies von Frauen und Männern gleichermaßen. Wird allerdings nach Einstellungsänderungen im Zusammenhang mit eigenen Erfahrungen im Ehrenamt gefragt, so fallen diese bei den Frauen deutlich negativer aus.
Entlang unserer Haupthypothese zeigen unsere Ergebnisse, daß ältere studierende Frauen vor dem Hintergrund ihrer negativen Erfahrungen eher Innovationen im Ehrenamt anstreben, die sich einerseits an der Art des Ehrenamts, andererseits in der eingenommenen oder gewünschten Position zeigen. Bislang werden leitende Positionen im Ehrenamt eher von Frauen mit höherer Schulbildung, Berufsausbildung und längerer Berufstätigkeit eingenommen. Aber es gibt keinen Zusammenhang zwischen höherer Berufsposition und leitendem Ehrenamt bei Frauen, ein Zusammenhang, der bei den männlichen Seniorenstudierenden ins Auge sticht. Diesem Ergebnis entspricht die geringere Zufriedenheit der Frauen; 41 % äußern sich unzufrieden im Vergleich zu 16 % der Männer.
Frauen sehen in ihren bisherigen Positionen die Umsetzung ihrer eigenen Ideen behindert durch Vorschriften und hauptamtliche MitarbeiterInnen und Leitungen. Entsprechend wünschen Frauen jetzt auf der Basis ihres breiteren Wissens und ihres gestiegenen Reflexionsvermögens über komplexe Zusammenhänge mehr Spielraum für die Umsetzung eigener Vorstellungen. 1/3 der ehrenamtlich tätigen Frauen haben auch schon entsprechende Veränderungen ihres ehrenamtlichen Engagements vorgenommen.